Aktien, Immobilien, Gold: unterschiedliche Expertenempfehlungen – Neue Zürcher Zeitung – NZZ

Die Aktienbörsen haben sich in diesem Jahr trotz anhaltender Corona-Pandemie stark entwickelt. Jüngst ist das Rally aber ins Stocken geraten.
Kurz vor dem Ende des dritten Quartals zeigt ein Blick auf die globalen Aktienmärkte, dass diese im laufenden Jahr nur eine Richtung kannten: aufwärts. Dies ist bereits seit Jahren so, abgesehen von kurzen Korrekturen – so wie im Zeitraum Februar bis März 2020, als sich abzeichnete, dass die Pandemie ein globales Problem werden würde. Doch in der Höhe wird die Luft dünner, und seit einigen Wochen bewegen sich die Aktienmärkte seitwärts. Da stellt sich mehr denn je die Frage, ob sie den oberen Wendepunkt erreicht oder gar überschritten haben – und was man als Anlegerin und Anleger machen sollte. Drei Experten geben ihre Einschätzung.
Befindet sich der Aktienmarkt nur in einer Konsolidierungsphase oder vor einer Korrektur?
Pérez Ruiz: Angesichts des nachlassenden Gewinnwachstums und inflationstreibender Angebotsengpässe gehen wir von einer Marktkonsolidierung aus. Auch dürfte die Normalisierung der politischen Unterstützung für Unruhe sorgen. Doch vieles spricht weiter für Aktien – etwa, dass bei über 80% der Stoxx-600-Firmen die Dividenden höher sind als die Anleiherenditen. Wir haben bei Aktien einen Teil der Gewinne mitgenommen und in alternative Anlagen wie Hedge-Funds und Sachanlagen investiert. Auf mittlere Sicht schätzen wir Aktien weiterhin positiv ein.
Wird die Politik der Zentralbanken Ihrer Ansicht nach synchron bleiben? Was bedeutet Ihre Antwort für die Finanzmärkte und die regionale Diversifikation?
Pérez Ruiz: Wegen unterschiedlicher Wirtschaftsbedingungen entwickelt sich die Politik der Zentralbanken immer weniger synchron. Während andere Zentralbanken mit dem sogenannten Tapering beginnen – also Anleihekäufe reduzieren, aber nicht die Zinsen erhöhen –, erwägt die People’s Bank of China bei gedrosselter Kreditvergabe in einigen Sektoren kontrollierte Anreize in anderen. Die Zentralbanken der Schwellenländer heben indes wegen steigender Inflation schon die Zinsen an. Daher sind wir in den Emerging Markets untergewichtet, da ihr Wachstumspfad trotz der restriktiven Geldpolitik hinter dem der entwickelten Volkswirtschaften zurückbleibt.
Welche Rolle spielen mögliche Zinserhöhungen bei Ihren Empfehlungen?
Pérez Ruiz: Unserer Ansicht nach sind die wichtigsten Zentralbanken noch weit von einer Zinserhöhung entfernt. Wenn sie dann kommt, werden Zeitpunkt und Gründe dafür von zentraler Bedeutung sein. Höhere Zinsen als Reaktion auf eine positive Wachstumsdynamik sollten Aktienmärkten Auftrieb verleihen – etwa wenn stärkeres Lohnwachstum mit höherer Produktivität und mehr Investitionen einhergeht. Das Ergebnis könnte jedoch weniger erfreulich sein, wenn Preisspiralen Investitionen hemmen und die Zentralbanken den Konjunkturzyklus früher als erwartet brechen müssen.
Wo sehen Sie bei Aktien Risiken und Chancen?
Pérez Ruiz: Barausschüttungen an Aktionäre dürften bei den Gesamterträgen wichtiger werden. Unser gegenwärtiger Fokus liegt deshalb auf Unternehmen mit soliden und nachhaltigen Dividendenzahlungen. Hohe Inputpreise bei steigendem Lohndruck könnten Unternehmensmargen belasten – daher unsere Präferenz für Firmen mit einer starken Stellung im Markt und daraus folgender Preissetzungsmacht. Ein Bezug zum – wie wir es nennen – grünen Marshall-Plan ist ebenfalls interessant, wenn die Wiederaufbaupläne Fahrt aufnehmen. Die Frage «Wer zahlt die Rechnung?» bleibt relevant, denn offenbar bewältigen nicht alle Unternehmen und Länder die Folgen der Pandemie gleich gut. Wir bevorzugen zudem Industrie- gegenüber Schwellenländern.
Welche anderen Anlageklassen sind heute attraktiv?
Pérez Ruiz: Bestimmte Immobilienbereiche dürften von einem Neustart bei Gewerbeimmobilien nach der Pandemie profitieren. Auch Private Equity finden wir attraktiv. Und mit Hedge-Funds, welche die Strategie «Event-driven» verfolgen, könnte man die unvermeidlichen Preisineffizienzen, die sich bei defensiven M&A-Transaktionen ergeben, nutzen. Am Kreditmarkt sehen wir weiterhin Chancen, etwa bei Hochzinsanleihen, die kurz vor einer Heraufstufung in das Investment-Grade-Segment stehen, weiter unten in der Kapitalstruktur erstklassiger Firmenanleihen und in Distressed-Anleihen.
Wie lauten Ihre Indexprognosen zum Jahresende?
Pérez Ruiz: Den amerikanischen Leitindex S&P 500 sehen wir bei 4600, den SMI bei 12 700 und den DAX bei 16 300 Punkten, moderate 3 bis 5% höher als heute.
Befindet sich der Aktienmarkt nur in einer Konsolidierungsphase oder vor einer Korrektur?
Hochegger: Dass Anleger aus Aktien aussteigen, liegt wohl eher daran, dass die Märkte noch immer nahe um ihre Rekordstände herum handeln. Das heisst, praktisch jede Anlegerin und jeder Anleger sitzt auf einem Buchgewinn, und die Verlockung, diesen zu realisieren, ist gross. Grund dafür sind die anhaltenden Unsicherheiten wie hohe Bewertungen, die Ungewissheit um Corona-Mutationen und deren wirtschaftliche Auswirkungen sowie eine Verlangsamung der Wirtschaftserholung. Zudem fehlen den Börsen nach den starken Halbjahreszahlen die Impulse.
Die Notenbanken verfolgen eine synchrone Geldpolitik. Erwarten Sie, dass dies auch bei allfälligen Zinserhöhungen angesichts guter Wirtschaftszahlen und steigender Inflationserwartungen so bleiben wird? Wenn ja, was heisst dies für die Finanzmärkte und die regionale Diversifikation?
Hochegger: Mit der Ausnahme einiger Schwellenländer haben sich die Finanzmärkte während der Corona-Krise ähnlich entwickelt, was die diesjährige Performance zeigt. Das liegt vor allem daran, dass die Weltwirtschaft überall praktisch zum selben Zeitpunkt von dem Schock getroffen wurde und die Wirtschaftserholung nun ebenfalls weitgehend synchron stattfindet. Die regionalen Unterschiede dürften also gering ausfallen. Um Inflationsdruck abzuwenden, haben Schwellenländer bereits begonnen, die Leitzinsen zu erhöhen. In den Industrieländern dürften die USA den ersten Schritt vollziehen. Das Schlusslicht wird die Schweizerische Nationalbank übernehmen, um den Franken nicht unnötig zu stärken.
Welche Rolle spielen bei Ihren Empfehlungen zurzeit mögliche Zinserhöhungen?
Hochegger: Taktisch spiegeln sich die niedrigen Zinsen, beziehungsweise die Aussicht auf mögliche Zinserhöhungen, in unserer Untergewichtung von festverzinslichen Anlagen. Bei der Aktienauswahl liegt der Fokus nebst höheren Zinsen auf den Auswirkungen von Inflation. Im Fokus stehen dabei qualitativ hochwertige Unternehmen, die über eine starke Marktstellung und deshalb über eine ausgeprägte Preissetzungsmacht verfügen. Diese Unternehmen sind in der Lage, höhere Preise an die Konsumenten weiterzugeben.
Wo sehen Sie bei Aktien in Bezug auf Branchen und Märkte Investitionsmöglichkeiten und wo Risiken?
Hochegger: Als interessant erachten wir den Schweizer Aktienmarkt. Er ist defensiv und schwankt weniger, das dürfte auch in den kommenden Monaten bei den Anlegern gefragt sein. Am hiesigen Aktienmarkt finden sich viele Unternehmen, die über die nötige Preissetzungsmacht verfügen. Auf Titelebene setzen wir neben den SMI-Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis auch auf Unternehmen wie Straumann, Sika, Geberit oder Givaudan. Vom Kauf der Aktien von Banken, die offensichtliche Profiteure höherer Zinsen sind, sehen wir ab, da viele in den vergangenen Jahren keinen Wert für die Aktionäre geschaffen haben. Das grösste Risiko sehen wir in der Bewertung. Bestimmte zyklische Sektoren sind schlicht zu teuer. Den US-Markt haben wir aus diesem Grund untergewichtet.
Welche anderen Anlageklassen sind heute attraktiv?
Hochegger: Bei Raiffeisen sind wir in Schweizer Immobilien und Gold übergewichtet. Immobilieninvestitionen bieten Anlegern sowohl den realen Erhalt ihres Kapitals als auch eine ansehnliche Rendite. Gold eignet sich dagegen zur Risikostreuung und reduziert die Schwankungen eines Portfolios. Auf dem gegenwärtigen Preisniveau bietet es zudem Renditepotenzial.
Wo sehen Sie S&P 500, SMI und DAX Ende Jahr?
Hochegger: Wir gehen von einer Konsolidierung aus, das heisst, die Indexstände dürften Ende Jahr etwa auf demselben Niveau liegen wie heute. Wir schliessen aber nicht aus, dass sich in den kommenden Wochen noch günstigere Einstiegsmöglichkeiten ergeben.
Im vergangenen Monat bewegten sich zahlreiche Aktienmärkte seitwärts, nachdem sie im laufenden Jahr stark zugelegt hatten. Befinden wir uns in einer Konsolidierungsphase oder stehen wir vor einer Korrektur, da Investoren beginnen, aus Aktien in andere Anlageklassen umzusteigen?
Schenk: Die globalen Aktienmärkte haben seit Jahresanfang im historischen Vergleich weit überdurchschnittlich zugelegt. Ihr Umfeld ist mittlerweile allerdings anspruchsvoller geworden. So zeichnet sich eine Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Erholung ab, die hohen Inflationsraten sind hartnäckiger als gedacht, die Zentralbanken nehmen ihren Fuss vom Gaspedal, und die fiskalpolitischen Stimuli laufen aus. Solange aber keine Rezession am Horizont steht, werden Unternehmensgewinne steigen, Dividenden gezahlt und Aktien zurückgekauft werden. Das heisst, der Aufwärtstrend für Aktien sollte intakt bleiben, aber flacher werden.
Die Notenbanken verfolgen eine synchrone Geldpolitik. Erwarten Sie, dass dies auch bei allfälligen Zinserhöhungen angesichts guter Wirtschaftszahlen und steigender Inflationserwartungen so bleiben wird? Wenn ja, was heisst dies für die Finanzmärkte und die regionale Diversifikation?
Schenk: Die synchrone Geldpolitik resultierte im Wesentlichen daraus, dass das Coronavirus überall fast zeitgleich für einen tiefen wirtschaftlichen Einbruch sorgte. Die Pandemie verliert aber langsam an Bedeutung, so dass in den einzelnen Volkswirtschaften wieder die «normalen» Herausforderungen in den Vordergrund rücken. Die synchrone Geldpolitik dürfte also enden. Man sieht bereits jetzt Leitzinserhöhungen in vielen Schwellenländern, während in den Industriestaaten vorerst nur die quantitativen Lockerungen zurückgenommen werden. Neben der tatsächlichen und der erwarteten Inflationsentwicklung müssen Zentralbanken auch strukturelle Gegebenheiten ihrer Währungsräume im Blick behalten. Insofern sehen wir eine Leitzinserhöhung in den USA zeitlich näher rücken als beispielsweise in Japan, der Euro-Zone oder in der Schweiz.
Welche Rolle spielen bei Ihren Empfehlungen zurzeit mögliche Zinserhöhungen?
Schenk: Hier muss man unterscheiden. Gemäss unseren Prognosen stehen bei den global wichtigen Zentralbanken – Federal Reserve, EZB und People’s Bank of China – Zinserhöhungen unmittelbar nicht bevor. Das sollte die Anlageklasse Aktien generell weiter unterstützen. Zinsentscheidungen kleinerer Notenbanken spielen neben anderen Faktoren aber eine wichtige Rolle für die relative Attraktivität ihrer Märkte. Dabei sind Leitzinsanhebungen nicht per se gut oder schlecht für die jeweilige Marktentwicklung. Es kommt immer darauf an, in welchem Umfeld sie stattfinden. Insofern ist die Geldpolitik einer von mehreren wichtigen Entscheidungsfaktoren.
Wo sehen Sie bei Aktien in Bezug auf Branchen und Märkte Investitionsmöglichkeiten und wo Risiken?
Schenk: Unsere bevorzugte Anlageklasse sind nach wie vor Aktien. Wegen des beschriebenen Umfelds sehen wir auf regionaler Ebene mehr Potenzial in den Industriestaaten als in den Schwellenländern. Innerhalb der Industriestaaten bevorzugen wir Europa und Nordamerika. Bei den Sektoren erachten wir auf globaler Ebene unter anderem auch wegen des gestiegenen Konsolidierungspotenzials eher die Branchen als attraktiv, die ein relativ stabiles Gewinnwachstum aufweisen.
Welche anderen Anlageklassen sind heute attraktiv?
Schenk: Wenig Ertragspotenzial sehen wir bei den Staatsobligationen. Im Universum der festverzinslichen Wertpapiere bieten Unternehmens- oder Hochzinsanleihen zwar noch etwas mehr Rendite. Aber auch dort ist die Luft mittlerweile recht dünn.
Wo sehen Sie S&P 500, SMI und DAX Ende Jahr?
Schenk: Die Märkte haben sich zwar bereits jetzt schon sehr gut entwickelt, aber wir sehen noch ein wenig Luft nach oben. Beim S&P 500 erwarten wir, dass das bisherige Rekordhoch nochmals übertroffen wird, und rechnen mit einem Stand von 4550 Punkten. Beim SMI erwarten wir 12 550 und beim DAX trotz möglichen zeitweiligen Wahlturbulenzen 16 100 Punkte.

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