Gerichtsentscheidung: Sturz auf dem Weg zum Homeoffice-Schreibtisch ist kein Arbeitsunfall – DER SPIEGEL

Homeoffice: Von der Couch bis zum Arbeitsplatz ist es nicht weit
Derzeit arbeiten viele Menschen im Homeoffice. Dort ist der Weg zur Arbeit denkbar kurz – für manche ist es nur der Schritt von der einen auf die andere Seite des Küchentischs. Was aber, wenn selbst auf solchen kurzen Strecken ein Missgeschick passiert? Kann ja leicht sein, etwa wenn man zum Arbeitsplatz doch eine Treppe überwinden muss. Ist das dann ein Arbeitsunfall?
Nein, hat kürzlich das Landessozialgericht (LSG) Nordrhein-Westfalen entschieden; das Urteil wurde gerade veröffentlicht. Wege innerhalb der eigenen Wohnung sind nämlich generell nicht unfallversichert (Aktenzeichen: L 17 U 487/19).
Der Streit ist inzwischen beim Bundessozialgericht (BSG) anhängig, ein anderer Ausgang des Verfahrens ist also durchaus möglich. Allerdings kommt es immer auf die Details an. Bei der Frage nach einem Arbeitsunfall geht es vor allem um Leistungen, die über das hinausgehen, was zur allgemeinen Unfallversorgung gehört, die etwa die Krankenkasse bezahlt. Das können zum Beispiel Reha-Maßnahmen sein, ein behindertengerechter Umbau der Wohnung oder eine Unfallrente.
Im aktuellen Fall klagte ein Mann aus dem Raum Aachen, der im Außendienst tätig ist. Er ist daher viel unterwegs, Verwaltungsaufgaben erledigt er zu Hause. In seinem Haus hat er sich hierfür ein Büro oberhalb der Wohnräume eingerichtet, das über eine Wendeltreppe erreichbar ist.
Im September 2018 stürzte er auf dem Weg von den Wohnräumen ins Homeoffice die Wendeltreppe hinunter. Dabei erlitt er einen Brustwirbeltrümmerbruch.
Bei der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik beantragte er die Anerkennung des Sturzes als Arbeitsunfall. Die lehnte jedoch ab, er klagte. Anders als noch das Sozialgericht Aachen wies nun das LSG Essen die Klage des Mannes ab. Der Weg auf der Treppe sei weder ein »Betriebsweg« noch ein Weg zur Arbeit, wie sie von den Berufsgenossenschaften versichert sind. Sein Sturz habe sich vielmehr »im häuslichen Wirkungskreis« ereignet.
Einen sogenannten Wegeunfall könne es nach ständiger Rechtsprechung »niemals innerhalb des Hauses beziehungsweise innerhalb der Wohnung« geben, argumentierten die Essener Richter. Denn der Weg zur Arbeit beginne erst »mit dem Durchschreiten der Haustür«.
Auch eine Unfallentschädigung als »versicherter Betriebsweg« scheide aus. Denn ein Betriebsweg sei ein Weg zwischen verschiedenen versicherten Tätigkeiten. Hier habe sich der Außendienstler aber auf die Wendeltreppe begeben, »um seine versicherungspflichtige Tätigkeit im Homeoffice am Unfalltag erstmalig aufzunehmen«.
Der Kläger hat bereits Revision zum BSG eingelegt (Aktenzeichen: B 2 U 4/21 R). Der Ausgang ist durchaus offen:
Die Richter am BSG hatten 2018 entschieden, dass ein Sturz auf einer Haustreppe ein Arbeitsunfall sein kann, wenn sich in einem Hochhaus von der Wohnung getrennt auch das Büro befindet.
Ähnlich hatte der BSG-Unfallsenat bereits 2017 zu einem Unfall in der eigenen Wohnung entschieden. Damals hatte eine Friseurmeisterin in ihrer Wohnung Geschäftswäsche gewaschen und war im Flur vor der Waschküche gestürzt.
Im Homeoffice generell nicht versichert sind nach einem BSG-Urteil aus 2016 aber Wege in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu privat geprägten Tätigkeiten, etwa zur Toilette oder Teeküche.
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