Finanzexpertin: »Wie man mit gutem Gewissen an der Börse investiert – STYLEBOOK

| 27. August 2021, 16:01 Uhr
Korruption, Betrug, Ausbeutung – dem Aktienhandel haftet nach wie vor ein negatives Image an. Aber ist das eigentlich berechtigt? Nicht so ganz, findet Birgit Wetjen. Die Chefredakteurin des Finanzmagazins „Courage“ räumt in unserer Female-Finance-Kolumne mit Vorurteilen gegenüber der Börse auf – und erklärt, wie man ohne schlechtes Gewissen investieren kann.
Meine Freundin hatte zum Geburtstag geladen. Bei gutem Essen kamen wir irgendwann auf das Thema Geld zu sprechen. „Habt ihr eigentlich Aktien?“, fragte ich in die Runde – und wurde überrascht. Zwei Freundinnen hatten im Corona-Jahr angefangen, sich mit der Börse zu beschäftigen – die eine per App, die andere über einen Online Broker. „Abends habe ich statt vor dem Fernseher oft vor dem Laptop gesessen“, lacht sie und ergänzt: „Mit meinen Aktien habe ich meine Scheidung finanziert.“ Die Dritte im Bunde hörte aufmerksam zu. „Habt ihr denn gar kein schlechtes Gewissen, wenn ihr an der Börse spekuliert?“, fragte sie irritiert. Für sie war das offenbar ein Unding. Skrupellose Geschäftemacherei ohne Rücksicht auf Verluste. Hauptsache, die Aktionäre seien zufrieden – egal, wie es den Beschäftigten oder der Umwelt geht.
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Klar, da fallen mir auch gleich ein paar Beispiele ein. Dieselskandal bei Volkswagen und anderen Produzenten von Verbrennern; Korruption und Betrug wie zum Beispiel beim Zahlungsdienstleister Wirecard; Ölpest im Golf von Mexiko nach Explosion der Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ von BP, Hungerlöhne in der Textilindustrie in Bangladesch, wo nicht nur Billiganbieter ihre Ware produzieren lassen. Oder die „Steuervermeidung“ vieler internationaler Konzerne: Nein, all das will auch ich nicht unterstützen – an Umweltsünden, Betrug und Ausbeutung möchte ich kein Geld verdienen. Aber deshalb auf Aktien verzichten? Nein.
Aktien sind Beteiligungen an Unternehmen – und auch die „guten“ Unternehmen, die dazu beitragen, die Welt besser zu machen, benötigen Kapital! Als Aktionärin habe ich die freie Wahl, welchen Unternehmen ich mein Geld anvertraue. Und welche Entwicklung ich mit meinem Geld unterstütze – und welche nicht. Ich kann also bei der Geldanlage Einfluss nehmen, wie beim Einkaufen auch. Ich möchte kein Fleisch aus Massentierhaltung auf dem Teller, also kaufe ich Biofleisch oder Fleischersatz. Andere wünschen Produkte aus der Region, um lange Transportwege zu vermeiden und die regionale Wirtschaft zu stärken. Bio und regional haben bei Verbrauchern Hochkonjunktur und selbst Billigdiscounter müssen mitziehen, wenn sie ihre Kunden nicht an Bio-Supermärkte verlieren wollen.
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Genauso funktioniert es beim Geld. Dass der drohende Klimawandel die größte Bedrohung der Menschheit ist, wissen inzwischen auch die wichtigsten Investoren. Larry Fink ist so einer, er ist Chef des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock – und will zukünftig „nachhaltig“ investieren, also Umweltsünder aus seinen Fonds und ETFs (iShares) verbannen. Bei mehr als neun Billionen US-Dollar verwaltetem Kapital kann Blackrock mächtig Druck auf Unternehmen ausüben. Auch andere Großinvestoren fordern Fortschritte in Sachen Umweltschutz – und drohen den größten Klimasündern, den Geldhahn zuzudrehen. Umweltsünder bekommen dann ein Problem: Die Kapitalkosten steigen zulasten der Gewinne. Und auch das Image leidet. Für Investoren und Kunden verlieren sie an Attraktivität und werden zum Risiko.
Geld ist ein starker Treiber. Politik setzt hier den Hebel an, um die Klimaziele zu erreichen. Die Bundesbank, die das Geld von Bund, Ländern und diversen Sozialkassen verwaltet, bekennt sich zur Nachhaltigkeit. Klimaschutz soll auch beim Corona-Wiederaufbauprogramm der EU berücksichtigt werden. Die EU und auch die USA haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen – selbst China will das bis 2060 schaffen. Als Aktionärin können Sie den Umbau der Wirtschaft mit Ihrem Geld forcieren. Denn: Geld ist nicht gut oder böse. Wer aber Gutes tun will, braucht Geld! Als Aktionärin kann man dem eigenen Geld einen Sinn geben – und gleichzeitig mit gutem Gewissen an der Börse Geld verdienen.
Birgit Wetjen, Chefredakteurin des Frauenfinanzmagazins Courage, motiviert Frauen dazu, sich um ihre Finanzen zu kümmern – mit unterhaltsamen und inspirierenden Vorträgen, Seminaren und eben als Finanzjournalistin. Sie hat viele Jahre für Wirtschaftsmedien wie Capital, Börse Online und n-tv gearbeitet und festgestellt, dass Frauen sich durch diese Medien kaum angesprochen fühlen. Deshalb hat sie sich auf Frauenfinanzen spezialisiert, 2017 die Redaktion des Frauenfinanzportals herMoney mit aufgebaut und drei Jahre lang geleitet. Die gebürtige Bremerin hat in Köln Volkswirtschaft studiert, ist Absolventin der Kölner Journalistenschule für Wirtschaft und Politik und Master Coach DVNLP.

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