Höhle der Löwen: Maschmeyer und Kofler investieren ins Airbnb der Arbeitsplätze – WELT

Am Montagabend debütierte Karsten Kossatz als Raubtier-Dompteur. Zumindest ist dem 29-Jährigen ein beachtlicher Deal in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ gelungen, in der er sein Unternehmen Independesk vorstellte. Das Konzept: Was Airbnb für Ferienwohnungen ist, will Independesk für Arbeitsplätze sein. Schreibtische an günstigen, aber auch spektakulären Orten – wie auf dem Berliner Fernsehturm – sind mit wenigen Klicks via App buchbar. Auf diese Weise sollen sich Arbeitnehmer neben Büro und Homeoffice auch für den dritten Arbeitsplatz entscheiden können.
Bei „Die Höhle der Löwen“ stellen wöchentlich Gründer ihre Geschäftsideen vor und buhlen um das Geld einer Investoren-Jury. Die besteht unter anderem aus Prominenten wie Carsten Maschmeyer, Nico Rosberg und Georg Kofler. „Die Investoren haben regelrecht um Independesk gekämpft“, erzählt Kossatz.
Am Schluss seiner Verhandlungen in der Sendung hatte der Gründer gleich mehrere Angebote auf dem Tisch, entschied sich aber für das von Maschmeyer und Kofler. Zusammen sicherten sich beide Investoren 15 Prozent der Unternehmensanteile von Independesk für 200.000 Euro – nachdem Kossatz den Preis von ursprünglich 150.000 Euro hoch gehandelt hatte. Damit bewerteten Maschmeyer und Kofler die Firma mit mehr als 1,3 Millionen Euro.
Die Independesk-Idee ist eine Wette auf die Zukunft der Arbeitswelt: Wie diese nach Corona genau aussehen wird, ist noch ungewiss. Zwar bereiten sich nicht wenige Unternehmen darauf vor, dass ihre Kunden und Mitarbeiter weiterhin von zu Hause aus arbeiten werden.
Es gibt aber auch Unzufriedenheit am Status quo, wie WELT AM SONNTAG berichtete: Laut einer Befragung der Unternehmensberatung Bain & Company unter Dutzenden CEOs und Vorständen von Großkonzernen und deutschen Mittelständern will die Mehrheit der Firmen, dass ihre Angestellten zu 70 bis 80 Prozent vom Büro aus arbeiten.
Eine vollständige Rückkehr zur Arbeit, wie man sie vor der Pandemie kannte, wird es nach Ansicht von Josephine Hofmann aber nicht geben. Die Leiterin der Abteilung „Zusammenarbeit und Führung“ des Fraunhofer-Institutes für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) sagt: „Die Arbeitsformen der Zukunft werden hybrid sein – also ein Nebeneinander von Präsenz und mobilem Arbeiten, ob unterwegs oder im Homeoffice.“ Studien des IAO ergaben, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer und Firmen sich für diese Lösung ausspreche, solange Tätigkeiten mobiles Arbeiten ermöglichen.
Die Firma Independesk setzt genau an diesem Punkt an. „Die Menschen experimentieren derzeit“, sagt Gründer Kossatz, „und fragen sich: wie viel Büro, wie viel mobile Arbeit ist das richtige Maß?“ Independesk bietet mit seiner Plattform Arbeitsplätze zur Stundenmiete an – in Co-Working-Spaces, in Cafés, aber auch an ungewöhnlichen Orten wie dem Berliner Fernsehturm, Strandbädern und bald sogar in einem Techno-Club – tagsüber versteht sich. Die Miete beträgt in der Regel zwei bis fünf Euro pro Stunde – der Arbeitsplatz an extravaganten Orten wie etwa dem Fernsehturm 39,75 Euro und mehr.
Kossatz glaubt, dass sich viele Menschen nach diesem dritten Arbeitsplatz zwischen Büro und Homeoffice sehnen: „Einerseits wollen sie neue Strukturen, anderseits engt viele die Arbeit zu Hause ein.“ Denn viele Wohnungen seien für die Arbeit daheim gar nicht ausgelegt – wenn auch der Partner am Schreibtisch nebenan in einer Telefonkonferenz sitzt, könne die Konzentration schnell nachlassen.
Auch Arbeitgeber sollen von Independesk profitieren, erklärt Kossatz. Diese könnten sich schließlich einen Teil der teuren Mietkosten für Büros sparen. Auch große Konferenzräume können über die App gebucht werden – „die standen schon vor der Pandemie meistens leer und kosten der Firma Geld“, meint der Gründer.
Independesk will aber noch mit einem weiteren Argument punkten. „Unsere Vision ist, dass in ganz Deutschland innerhalb von 500 Metern zwei, drei Arbeitsplätze von uns zur Verfügung stehen“, so Kossatz. Dadurch soll das nervige Pendeln verschwinden. Um das Ziel zu erreichen, muss das Unternehmen noch wachsen. Denn bislang bietet Independesk 800 Arbeitsplätze an, vor allem in den Metropolregionen. „Zukünftig wollen wir aber einige Zehntausend Orte anbieten“, sagt Kossatz, „auch in kleineren Städten.“
Arbeitsforscherin Josephine Hofmann hält die Geschäftsidee für einen „Trend der Zeit“. „Ob von den Kanaren aus oder vom Land – die Fantasie der Menschen bezüglich ihrer Arbeitsplätze wächst“, sagt Hofmann. „Und damit auch die Lust, auf solche Angebote zurückzugreifen.“ Zwar können sich Unternehmen bei ihren Mitarbeitern durch derlei Angebote durchaus beliebt machen. „Bis auf wenige Ausnahmen werden sie auf eine Mindestpräsenz allerdings nicht verzichten“, sagt Hofmann.
Die Sorge, dass sich Mitarbeiter aufgrund des mobilen Arbeitens auch emotional von der Firma lösen, sei begründet. Für Unternehmen sei es wichtig, dass sich die Kollegen als Teil einer „Betriebsfamilie“ fühlen, so Hofmann. Zudem seien viele Fragen, wie etwa zum Thema Datenschutz, noch nicht vollständig geklärt.
Karsten Kossatz träumt seine Idee vom dritten Arbeitsplatz weiter. Schon für den Sommer 2022 ist die nächste Finanzierungsrunde von Independesk geplant. Denn das Start-up will wachsen: zunächst über die Grenzen hinaus, nach Österreich und in die Schweiz. Und langfristig auch in ganz Europa. Carsten Maschmeyer und Georg Kofler scheinen an das Unternehmen zu glauben: Beide sicherten sich am Montag auch einen Preisnachlass für die zukünftige Finanzierungsrunde.
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