Homeoffice aus dem Ausland: Hände auf der Tastatur, Füße im Sand – DER SPIEGEL

Der Traum vom Büro am Strand könnte Wahrheit werden – unter ein paar Bedingungen
Die Coronakrise zeigt, dass mobiles Arbeiten in vielen Betrieben grundsätzlich möglich und Büroanwesenheit nicht mehr zwingend erforderlich ist. Auch danach wollen viele Firmen beim Konzept Mobile Office bleiben. In der Folge könnten Angestellte teure Ballungsräume in der Nähe des Arbeitsorts verlassen, vielleicht ein Haus auf dem Land kaufen. Doch was, wenn es einen weiter wegzieht: Kann man auch aus dem Ausland Homeoffice für ein deutsches Unternehmen machen?
Die Berliner Arbeitsrechtlerin Miruna Xenocrat und die digitalen Nomaden Thomas Wozniak und Franzi Friedl geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.
SPIEGEL: Frau Xenocrat, ist es aus arbeitsrechtlicher Sicht erlaubt, das Homeoffice ins Ausland zu verlegen?
Miruna Xenocrat hat Rechtswissenschaften an der Universität Regensburg studiert und ist seit 2017 als Rechtsanwältin zugelassen. Seit 2018 arbeitet sie im Berliner Büro des Vereins ArbeitnehmerHilfe, einer Arbeitnehmerschutzorganisation.
Xenocrat: Das Modell der Telearbeit, das umgangssprachlich meist Homeoffice” genannt wird, ist – mit Ausnahme der Definition in der Arbeitsstättenverordnung – noch nirgends wirklich rechtlich geregelt, es gibt keine fertige Definition im deutschen Recht. An sich bedeutet Homeoffice aber “von zu Hause aus”. Zu Hause ist da, wo ich wohne. Wenn Homeoffice mit dem Arbeitgeber vereinbart ist und ich den Ort ändern möchte, muss ich das mit dem Arbeitgeber abklären. Wenn er nichts dagegen hat, kann ich meinen Arbeitsort ins Ausland verlegen, ja.
SPIEGEL: Was kann ich tun, wenn der Arbeitgeber mir das nicht erlaubt?
Miruna Xenocrat
Xenocrat: Zuerst bietet sich wahrscheinlich ein Gespräch mit der jeweiligen Arbeitnehmervertretung an, sofern diese im Betrieb vorhanden ist, also zum Beispiel mit dem Betriebsrat oder der Mitarbeiterversammlung. Ein wirkliches Druckmittel hat man aber nicht, solange es kein Recht auf Homeoffice gibt. Idealerweise trifft man mit seinem Arbeitgeber eine Übereinkunft und einigt sich auf eine Testphase, in der man ihn davon überzeugen kann, dass es keine Einbrüche in Produktivität oder Erreichbarkeit gibt, auch wenn man reist.
SPIEGEL: Welche Behörden müssen informiert werden, wenn ich als in Deutschland Angestellter zum Arbeiten ins Ausland gehen möchte?
Xenocrat: Das hängt von mehreren Faktoren ab: Möchten Sie in ein Land innerhalb oder außerhalb der EU? Wie lange möchten Sie weg? Wer für eine Woche von einer Insel in Südeuropa arbeiten möchte, muss außer seinem Arbeitgeber erst einmal niemanden informieren. Wenn Sie aber tatsächlich umziehen und einen neuen Wohnort anmelden, wird es komplizierter.
Miruna Xenocrat
Sobald Sie mehr als drei Monate – laut EU-Verordnung ein “wesentlicher Teil” eines Kalenderjahres – in einem anderen Mitgliedstaat tätig sind, müssen Sie dort in die Sozialversicherung einzahlen. Die einzige Ausnahme hierzu wäre, wenn der Arbeitgeber einen Arbeitnehmer offiziell und für höchstens 24 Monate in das Land entsendet – und dort auch einen Dienstsitz hat. Wer Unsicherheiten vermeiden möchte, fragt beim Sozialversicherungsträger des Reiselandes nach. In Deutschland sollte man zur Sicherheit die Krankenkasse oder den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen informieren.
Wer außerhalb der EU arbeiten möchte, muss sich gegebenenfalls bei den Botschaften oder Konsulaten um Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen kümmern. Innerhalb der EU ist das wegen des Rechts auf Freizügigkeit einfacher.
SPIEGEL: Muss ich im Reiseland dann auch Steuern zahlen?
Xenocrat: Ja, aber erst, wenn Sie länger als sechs Monate dort sind und der Arbeitgeber seinen Betriebssitz in Deutschland hat – dann greift die sogenannte 183-Tage-Regelung: Ab dem 184. Tag in einem anderen Land muss ich dort auch Steuern zahlen. Die meisten Länder haben jeweils eigene Doppelbesteuerungsabkommen miteinander geschlossen, die teilweise unterschiedlich berechnen, ob und wann Steuern fällig werden. Manchmal ist die Anzahl der gearbeiteten Tage maßgeblich, manchmal die der Anwesenheitstage. Hier sollte man sich im Einzelfall informieren.
SPIEGEL: Brauche ich besondere Versicherungen, wenn ich mein Büro ins Ausland verlege?
Xenocrat: Es ist zumindest Vorsicht geboten, etwa bei der betrieblichen Unfallversicherung. Es kann sein, dass die Berufsgenossenschaften im Ausland nicht zahlen, wenn man sich bei der Arbeit verletzt. Man sollte auch die eigene Haftpflichtversicherung auf ihre Gültigkeit im Ausland überprüfen. Außerdem muss eventuell die Krankenversicherung aufgestockt werden, wenn damit Krankentransporte zurück nach Deutschland übernommen werden sollen.
Thomas Wozniak, 30, arbeitet seit sechs Jahren im Online-Marketing und hat gemeinsam mit einem Geschäftspartner die Beratungsagentur “Profitable Onlinekurse” gegründet. Seit 2017 arbeitet er remote und hat dabei Länder wie Spanien, Brasilien, Südafrika, Thailand, und Indonesien bereist.
SPIEGEL: Welche Orte empfehlen Sie als erfahrene Nomaden Anfängern fürs Auslandshomeoffice?
Wozniak: Es kommt ganz darauf an, was einem wichtig ist. Die Klassiker sind Chiang Mai in Thailand und Bali in Indonesien. Die Lebenshaltungskosten dort sind niedrig, und man kommt mit Englisch sehr weit. Man trifft viele Gleichgesinnte, die Infrastruktur ist sehr gut, und es gibt viele Coworking-Flächen.
Ich wähle meine Ziele aber weniger nach den Kosten aus, sondern danach, wo ich mich am wohlsten fühle und am produktivsten bin. Für mich ist das Kapstadt. Die Natur, der starke Wind und das Meer geben mir sehr viel Energie. Das Essen ist hervorragend, und es gibt viel zu entdecken.
Franzi Friedl, 27, ist besser bekannt als Bloggerin “Franzis Footprints”. Sie leitet die Facebook-Gruppe “Digitale Nomaden” und ist Coach für den Aufbau von Online Business und Social Media. Seit drei Jahren arbeitet Friedl remote und hat unter anderem in Indonesien, Thailand, Mexiko, Spanien, Italien und Österreich gelebt.
Friedl: Klar, je weniger Geld für Lebenshaltungskosten draufgeht, desto besser – weil man so weniger verdienen muss, um sich alles leisten zu können. So wirklich frei ist man bei dieser Denke in der Wahl seines Aufenthaltsorts aber nicht. Immer nur dort zu leben, wo es günstig ist, entspricht nicht meinen Werten. Ich persönlich habe mich 2017 in die Insel Ibiza verliebt und pendle nun zwischen dort und Berlin.
SPIEGEL: Welche Anfängerfehler kann man vermeiden?
Wozniak: Man sollte sich nicht zu viele Sorgen machen. Mir wurde häufig suggeriert, dass es im Ausland gefährlicher sei als in Deutschland oder der EU. Sprüche wie “Na, da möchte ich aber nicht tot über dem Zaun hängen” habe ich schon oft gehört. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und tendenziell ist erst mal alles, was man nicht kennt, gefährlich. Sobald man jedoch anfängt, zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen, wird man offener der Welt gegenüber und bekommt eine andere Perspektive.
Thomas Wozniak
Außerdem braucht man weitaus weniger zum Leben, als man denkt – daher nicht zu viel Gepäck mitnehmen. Lieber einfach den Laptop und die Kreditkarten einpacken und losfliegen. Alles andere wird sich ergeben.
Friedl: Eine große Herausforderung ist besonders am Anfang, immer wieder sein Set-up aufzubauen, gutes Wi-Fi und eine Wohnung auf Zeit zu finden. Und es ist schwer, nachhaltige Kontakte am Zielort zu knüpfen. Das ist alles oft sehr schnelllebig.
SPIEGEL: Wird es also auch einsam, wenn man lange unterwegs ist?
Wozniak: Das soziale Netzwerk kann schon fehlen. Ich reise zwar gemeinsam mit meiner Partnerin, bin aber trotzdem jeden Sommer in Deutschland, um Freunde und Familie zu sehen. Im Ausland gehe ich gern in Coworking-Spaces, da hat man nicht nur eine gute technische Infrastruktur, sondern findet auch Gleichgesinnte. Viele sehe ich seit Jahren immer wieder am selben Ort.
SPIEGEL: Wie hat sich Corona auf eure Arbeit ausgewirkt?
Franzi Friedl
Wozniak: Unser Aufenthalt auf Bali wurde durch Reisebeschränkungen einen Monat länger als geplant – aber ich glaube, es gibt Schlimmeres, als mit Freunden in einer Villa auf einer wunderschönen Insel festzusitzen. Finanziell hat sich die Coronakrise sehr positiv auf mein Geschäft ausgewirkt, weil die Nachfrage nach Digitalisierung noch höher geworden ist.
Friedl: Ich habe gemerkt, was mir wirklich wichtig ist, und mein Business noch mal anders ausgerichtet. Gestartet bin ich vor einigen Jahren als Reisebloggerin und Social-Media-Managerin. Inzwischen berate ich Menschen beim Aufbau digitaler Geschäftsmodelle, vor allem im Bereich Social Media und Branding. Und nun eben auch auf dem Weg ins ortsunabhängige Arbeiten. Das ist krisensicher. Für mich ist das die Zukunft.
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