Burnout: Ich kündigte gut bezahlten Ingenieurjob – und bereue nichts – Business Insider Deutschland

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Ein ehemaliger Ingenieur berichtet in einem Essay von seinen Burnout-Erfahrungen. Für den Schutz seiner Privatsphäre bat er darum, anonym zu bleiben.
Er erzählt, dass sein zehnjähriger Karriereweg nach dem perfekten Lebenslauf auf dem Papier aussah – inklusive Gehalt von rund 110.000 US-Dollar. Doch mit der Arbeit kam eine Menge stressverursachende Verantwortung.
Nach einer Panikattacke während der Arbeit entschied er sich für eine Kurswende. Dem Journalisten Robin Madell von Business Insider erzählt der Betroffene, wie ihn dieses Erlebnis geprägt hat – und wie es ihm heute geht.
Dieser Essay basiert auf einem transkribierten Gespräch mit einem 35-jährigen Blogger aus Toronto. Er hat seine Karriere als Ingenieure hinter sich gelassen, um sich vollständig auf das Bloggen zu konzentrieren. Für den Schutz seiner Privatsphäre bat er darum anonym zu bleiben. Business Insider hat in der Vorbereitung des Artikels sowohl seine frühere als auch seine jetzige Beschäftigung überprüft. Aus Gründen der Länge und Verständlichkeit wurde der Essay leicht gekürzt und editiert.
Hättet ihr mich vor sechs Monaten gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für den Rest meines Lebens als Ingenieur zu arbeiten, hätte ich zu diesem Zeitpunkt uneingeschränkt mit „Ja“ geantwortet. Die Faszination für das Feld muss wohl von meinem Vater gekommen sein. Er war auch Ingenieur. Schon als Kind waren meine Lieblingsfächer in der Schule Mathe und Naturwissenschaften. Mein gesamter Freundeskreis bestand aus Kindern, die sich ebenfalls für Naturwissenschaften und Mathematik begeisterten. Später bewarben wir uns alle gemeinsam auf einer technischen Schule für Ingenieurwesen und wurden alle Ingenieurinnen und Ingenieure. Ich war überzeugt: Das ist mein Traumberuf.
Zu Beginn meiner Laufbahn arbeitete ich in der Verkehrsentwicklung. Meine Tätigkeit bestand zum Teil darin, Daten über Verkehrszählungen an bestimmten Kreuzungen zu sammeln und das bestehende Verkehrsaufkommen auf die Zukunft zu übertragen.
Später war ich etwa zehn Jahre lang im Bereich der Akustik tätig. Dort umfassten meine Aufgaben das Kontrollieren von Umgebungslärm, die Modellierung von Innenraum- und Unterwasserlärm sowie die Bewertung der Lärmbelastung. Damals reizte mich an diesem Bereich, dass diese Spezialisierung viele Arten von Projekten beinhaltete und mir die Möglichkeit gab, an verschiedene Orte in Nordamerika zu reisen.
Es war keine Seltenheit für mich, 50 bis 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Gerade wenn Termine oder Deadlines näher rückten, neigte ich dazu, sogar noch mehr zu arbeiteten. Ich arbeitete zu ungewöhnlichen Zeiten, weil ich mich durch die Reisen immer wieder in verschiedenen Zeitzonen aufhielt und den Jetlag überwinden musste. Teilweise reiste ich für Projekte bis nach Australien und Afrika.
Hinzu kam, dass ich mehrere Projekte gleichzeitig leitete. Manchmal waren es bis zu zehn, die parallel liefen. Oft hatte das zur Folge, dass ich weniger wichtige Aufgaben vernachlässigen musste, um das Dringende zu erledigen. Oft wurde mir das jedoch später zum Verhängnis, sodass ich zunehmend gestresst war.
Bereits nach kurzer Zeit erschienen mir alle Projekte, an denen ich beteiligt war, uninteressant und trocken. Ich hatte das Gefühl, dass nur noch der zu enge Zeitplan und die Kosten (sowie die Agenda des Entwicklers) von Bedeutung waren. Es ging nicht mehr um die Arbeit an sich.
Im Jahr 2018, etwa sieben Jahre, nachdem ich mich für diesen Karriereweg entschieden hatte, wechselte ich das Unternehmen. Ich wollte an größeren und interessanteren Projekten mitwirken. Anfang 2020 wechselte ich meinen Arbeitgeber erneut. Ich landete in einem sehr netten Team, einem großartigen Betreuer und einer netten Gehaltserhöhung.
Was ich nicht wusste über meinen neuen Job: Mit meiner neuen Position wuchs meine Verantwortung. Und mit der Verantwortung auch der Stress. Bei meiner neuen Stelle war ich nun für Teams zuständig, die in der Regel drei bis fünf Personen umfassten. Ich leitete den Großteil ihrer Arbeitsbereiche. Doch zu meinem Bedauern musste ich schnell feststellen: Wir waren zu wenige.
Ich hatte all meine Hoffnung in diese neue Stelle gesetzt. Ich dachte, hier würden genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Arbeit gut und gewissenhaft zu erledigen. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass meine bisherigen Erfahrungen eher die Regel als die Ausnahme waren: Die meisten Projekte hatten ehrgeizige Fristen – aber nicht genügend Angestellte, um sie auf vernünftige Weise einzuhalten.
Während meiner gesamten beruflichen Laufbahn habe ich mit vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren aus verschiedenen Unternehmen und Fachbereichen zusammengearbeitet. Der Großteil von ihnen klagte häufig darüber überlastet zu sein. Händeringend wurde nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesucht. Damals habe ich nicht allzu sehr darauf geachtet, was sie sagten. Ich war selbst noch zu jung, um davon betroffen zu sein und diesen Mangel wahrzunehmen. Doch als ich wenige Jahre später als leitender Ingenieur arbeitete, sah auch ich mich mit 100 bis 150 E-Mails pro Tag konfrontiert – und einem Kalender voller Besprechungen.
Selbst das Delegieren von Aufgaben war nicht so leicht. Mein Team lieh sich häufig jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Abteilungen aus, damit sie uns bei der Fertigstellung einiger Aufgaben helfen konnten. Das Problem dabei: Sie waren oft nicht eingearbeitet oder hatten nicht das nötige Hintergrundwissen. Demzufolge musste ich mir oft ein bis zwei Stunden Zeit nehmen, um den theoretischen Hintergrund zu erklären, bevor ich die Aufgabe selbst erläutern konnte. Nach ein paar Monaten oder einem Jahr aber kehrten die Juniorinnen und Junioren in ihre jeweiligen Abteilungen zurück. Und unser Spiel fing mit neuen Angestellten von vorne an.
Rückblickend mache ich der Firma dafür keinen Vorwurf. Es herrschte ein echter Mangel — vor allem an Ingenieurinnen und Ingenieuren für Akustik. Und doch mussten die Projekte abgeschlossen werden.
Ich begann, mit einigen unserer Gutachten unzufrieden zu sein. Aufgrund des Zeit- und Ressourcenmangels fühlten sich die Einschätzungen und Evaluierungen überstürzt an. Die Qualität litt. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Kontrolle über meinen Arbeits- und (persönlichen) Zeitplan verloren hatte. Selbst 15 Minuten Zeit für ein Mittagessen zu finden, erwies sich zunehmend als schwierig.
Infolgedessen schoss mein Stresspegel massiv in die Höhe. Ich musste ständig an die Arbeit denken. Im Bett, während ich versuchte zu schlafen, oder in meiner Freizeit, beim Treffen mit Freundinnen und Freunden am Wochenende. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen darum, die Probleme von morgen oder nächster Woche zu lösen.
Mit der Pandemie verschärfte sich die Situation noch weiter. Das Homeoffice half meinem Stresspegel überhaupt nicht. Es machte es nur noch schlimmer. Mein Laptop starrte mich ständig an. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich am Ende des Tages abmeldete oder am Wochenende keine E-Mails abrief. Das Gefühl, die Arbeit beendet zu haben, stellte sich nie ein. Es gab immer etwas zu tun. Doch dann, eines Tages in diesem Frühjahr, ist mir etwas widerfahren, was mein gesamtes zukünftiges Arbeitsleben verändern würde. Ich erlitt während meiner Arbeit eine Panikattacke.
Eine solche Erfahrung habe ich noch nie gemacht. Das Gefühl von innerer Unruhe, die nicht bewältigbar scheint, wurde immer größer. Und von da an wusste ich: Mein Stresslevel war nicht länger tragbar. Dieses Erlebnis und die daraus gewonnene Erkenntnis haben mich dazu bewogen, meine berufliche Laufbahn zu überdenken. Ein letztes Mal kehrte ich zu meiner Arbeit zurück und teilte mit, dass ich nicht mehr länger als Ingenieur tätig sein könne.
Mein direkter Vorgesetzter und auch sein Vorgesetzter reagierten sehr verständnisvoll: Gesundheit und Sicherheit sei in der Unternehmenskultur fest verankert, so die beiden Chefs. Sie würden die Entscheidung respektieren und wünschten mir alles Gute. Ich verließ das Gespräch und das Unternehmen positiv. Sie boten mir an jederzeit zurückzukommen, wenn ich es wollte.
Ich liebe Kaffee und Tee, also habe ich angefangen, darüber zu schreiben. Ich sprach mit meiner Familie, meinen Freundinnen und Freunden sowie einem Therapeuten über meine Überlegungen, meinen Job aufzugeben, um in Vollzeit zu bloggen. Sie unterstützten mich und halfen mir zu erkennen, dass es für mich definitiv die richtige Entscheidung war, den Ingenieurberuf aufzugeben.  
Meine Partnerin hatte den Blog schon im November 2020 neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit begonnen. Er basiert auf Affiliate-Marketing. Das heißt, wir schreiben beispielsweise einen Blogeintrag über eine bestimmte Kaffeesorte oder Kaffeemaschine, der Produktlinks zur Webseite eines Anbieters erhält. Wenn Nutzerinnen und Nutzer auf die Links klicken und etwas kaufen, erhalten wir eine kleine Provision.
Noch während ich darüber nachdachte, meinen Ingenieurjob aufzugeben, hatte ich immer wieder die Befürchtung, ich könnte mich fühlen, als ob ich zehn Jahre meines Lebens „verloren“ hätte. Doch dazu kam es glücklicherweise nie. Denn ich realisierte schnell: Diese zehn Jahre waren nicht verloren. Ich habe in ihnen unschätzbare Fähigkeiten, Erfahrungen, Freundschaften und Lebenslektionen gesammelt.
Dank meiner Karriere als Ingenieur, mit der ich zuletzt 112.000 US-Dollar jährlich verdiente, konnte ich mir eine Immobilie kaufen. Nun vermiete ich das Haus, um mit den Einnahmen mich selbst und meine Blogger-Karriere zu unterstützen. Ich weiß, dass es einige Zeit dauern wird, bis ich ein nennenswertes Einkommen erzielen werde. Es könnte sogar sein, dass ich nie wieder so viel Geld verdienen werde, wie ich es als Ingenieur getan habe.
Bislang reicht die Zahl die Besucherinnen und Besucher unserer Webseite noch lange nicht aus, um uns vollständig vom Blog zu finanzieren. Aber das ist in Ordnung. Viel Geld zu verdienen, ist nicht mein Ziel im Leben. Letztendlich bin ich mit meiner Entscheidung sehr zufrieden. Ich habe auf meinen Verstand und meinen Körper gehört. Ich bin mir selbst treu geblieben. Bereits jetzt fühle ich mich viel weniger gestresst und reizbar als zu der Zeit, als ich noch als Ingenieur tätig war.
Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.
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