Immobilienriese Evergrande in der Krise: Die Angst vor dem großen Knall in China – Augsburger Allgemeine

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Der Immobilienriese Evergrande hat mehr Schulden angehäuft als mancher europäische Staat. Ratingagenturen halten Zahlungsausfälle für wahrscheinlich. Jetzt wankt der Gigant.
Erboste Investoren haben bereits die Lobby der Hauptzentrale von Evergrande gestürmt und lautstark ihr Geld zurückgefordert. Das Unternehmen in Shenzhen installierte Absperrgitter und Sicherheitskräfte vor dem Haupteingang. Evergrande, ein schon seit längerem kriselnder Immobilienriese, befindet sich in existenzieller Notlage. Die Ratingagentur Fitch hat die Bonitätsbewertung kürzlich auf ein katastrophales „CC“ herabgestuft. Es seien Zahlungsausfälle angesichts „knapper Liquidität“ wahrscheinlich.
Die Krise von Evergrande scheint umso spektakulärer, wenn man sich dessen rapiden Aufstieg nur wenige Jahre zuvor anschaut: Der 62-jährige Unternehmensgründer Hui Ka Yan galt als reichster Chinese des Landes, er wurde von der politischen Elite hofiert. Kein Wunder, sorgte er doch für einen Bauboom, der die chinesische Wirtschaft immer weiter antrieb: In über 200 Städten hat Evergrande mit riesigen Apartmentsiedlungen und Bürotürmen seine steinernen Spuren hinterlassen.
Doch auf die schützende Hand der Regierung kann Evergrande längst nicht mehr zählen. Denn Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern steckt massiv in den Miesen. Laut Schätzungen sollen es über 300 Milliarden Dollar sein – oder anders ausgedrückt: ähnlich viel wie die gesamten Staatsschulden Griechenlands. Doch ist der Konzern aus Shenzhen „too big to fail“?
Zumindest würde seine Pleite immense Schockwellen durch die gesamte Branche senden, so viel steht fest. Denn wahrscheinlich werden die chinesischen Finanzinstitute auch anderen Großkunden stärker auf die Finger schauen, um nicht auf noch mehr Geldern sitzen zu bleiben. Dementsprechend dürften wohl etliche Konzerne der Baubranche schon bald in Bedrängnis kommen.
Der Immobiliensektor ist vor allem deshalb so erhitzt, weil er von den meisten Chinesen als alternativlos einzig stabile Wertanlage angesehen wird: Die Währung selbst verliert kontinuierlich durch Inflation an Wert, die Aktienkurse selbst der größten Unternehmen schwanken wie Achterbahnen und ins Ausland dürfen die Chinesen aufgrund strikter Kapitalverkehrskontrollen nicht investieren. Also parkt jeder, der es sich leisten kann, sein Erspartes in einem Apartment – ganz gleich, ob die Wohndividende verschwindend gering ist, ja sogar im Minus liegt. Denn offiziell gibt es kein Wohneigentum in der kommunistischen Volksrepublik.
Die Immobilien werden nur 70 Jahre lang vom Staat gepachtet. Insbesondere in den großen Ostküstenmetropolen wie Shanghai, Shenzhen oder Peking kostet ein Apartment oft das Achtzigfache einer Jahresmiete oder mehr. De facto machen die Immobilienbesitzer sogar ein Minus.
Seit Jahresbeginn ist der Aktienwert von Evergrande um drei Viertel gefallen. Denkbar ist, dass die Regierung eingreifen und den Konzern zerschlagen wird, um eine marktweite Panikstimmung zu verhindern. Zuletzt hat Evergrande Fehlverhalten mehrerer hochrangiger Manager eingeräumt. Sechs Führungskräfte hätten mehrere Anlageprodukte des Unternehmens illegalerweise im Voraus eingelöst.
Evergrande teilte am Samstag mit, die Angelegenheit werde sehr ernst genommen. Der Konzern verlange von den Managern eine Rückzahlung der Gelder und werde „strenge Strafen“ verhängen. (mit dpa)
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