Entscheidungsmüdigkeit bei Banken: Warum Sie einen Kredit nicht zur Mittagszeit beantragen sollten – DER SPIEGEL

Gespräch bei einer Bank (Symbolbild)
Machen Sie bloß keine Termine mit ihrem Kreditexperten kurz vor der Mittagspause, zumindest nicht, wenn es um komplexere Anfragen geht: Dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der entsprechende Antrag abgelehnt wird.
Das stellten zumindest Simone Schnall und Tobias Baer vom Department of Psychology der britischen University of Cambridge fest. Konkret analysierten die beiden Wissenschaftler die Arbeit von 30 Kreditsachbearbeitern einer Großbank über einen Monat hinweg. In die Studie, veröffentlicht im Fachmagazin »Royal Society Open Science«, flossen die Entscheidungen zu Tausenden Kreditanträgen ein. Dabei ging es um Umschuldungspläne von Kunden, die bereits einen Kredit hatten, die Bank aufgrund von Rückzahlungsschwierigkeiten aber um eine Anpassung dieser Rückzahlungen baten.
Solche Entscheidungen sind den Autoren der Studie zufolge anspruchsvoll: Kreditsachbearbeiter müssten die finanzielle Stärke des Kunden gegen Risikofaktoren abwägen, die die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung verringerten. Fehler könnten hier für die Bank kostspielig sein. Die Genehmigung eines solchen Antrags kann einerseits zu einem Verlust im Vergleich zum ursprünglichen Zahlungsplan führen. Andererseits kann bei erfolgreicher Umstrukturierung dieser Verlust aber deutlich geringer sein als wenn der Kredit überhaupt nicht zurückgezahlt werde, so die Autoren.
Die Forscher beobachteten, dass der Zeitpunkt der Entscheidung im Mittel eine wichtige Rolle spielte. »Die Kreditsachbearbeiter waren morgens eher bereit, die schwierige Entscheidung zu treffen, einem Kunden günstigere Kreditrückzahlungsbedingungen zu gewähren, zeigten mittags aber Entscheidungsmüdigkeit und waren weniger geneigt, einem Antrag auf Kreditumstrukturierung zuzustimmen«, erklärt Hauptautorin Schnall. »Nach der Mittagspause fühlten sie sich wahrscheinlich erholter und waren wieder in der Lage, bessere Entscheidungen zu treffen.«
Tobias Baer, Psychologe von der University of Cambridge
Darüber hinaus ergab die Studie, dass Kunden, deren Umschuldungsantrag genehmigt wurde, ihren Kredit mit höherer Wahrscheinlichkeit zurückzahlten, als wenn sie angewiesen wurden, sich an den ursprünglichen Rückzahlungsplan zu halten. Die Tendenz der Kreditsachbearbeiter, um die Mittagszeit mehr Anträge abzulehnen, war so mit einem finanziellen Verlust für die Bank verbunden und die Entscheidung der Kreditexperten vor der Mittagspause häufiger falsch. Wie die Forscher kalkulieren, hätte die Bank innerhalb eines Monats mehr als 500.000 US-Dollar an zusätzlichen Kreditrückzahlungen einnehmen können, wenn alle Entscheidungen am frühen Morgen getroffen worden wären.
»Selbst Entscheidungen, von denen wir annehmen, dass sie sehr objektiv und von konkreten finanziellen Erwägungen geleitet sind, werden von psychologischen Faktoren beeinflusst«, resümiert Autor Baer. Die Studienergebnisse unterstrichen, dass regelmäßige Pausen während der Arbeitszeit wichtig seien, um ein hohes Leistungsniveau aufrechtzuerhalten. Nicht zuletzt zeigten sie, dass kognitive Erschöpfung im Finanzsektor – und vielleicht auch in anderen Branchen – zu erheblichen wirtschaftlichen Kosten führen könnte.
Mit Entscheidungsmüdigkeit wird jene Müdigkeit beschrieben, die dadurch entsteht, dass man über einen längeren Zeitraum hinweg schwierige Entscheidungen treffen muss. Schon in der Vergangenheit belegten Studien, dass Menschen in einem solchen Zustand dazu neigen, auf die Standardentscheidung zurückzugreifen: Sie wählen die Option, die einfacher ist oder sicherer erscheint.
Tatsächlich wurde Entscheidungsmüdigkeit bereits in anderen Berufszweigen untersucht, so etwa in der Medizin. Dabei ergab eine 2019 veröffentlichte Studie, dass Hausärzte ihren Patienten am Morgen häufiger einen Test zur Brust- oder Darmkrebsvorsorge empfehlen als am Abend. Im selben Jahr berichteten Wissenschaftler im Fachblatt »Health Economics«, dass sich orthopädische Chirurgen zum Ende ihrer Schicht weniger häufig dafür entschieden, einen Patienten zu operieren, als zu Arbeitsbeginn. Und eine weitere Studie beobachtete schon 2014, dass Ärzte zum Ende ihres Arbeitstages eher Antibiotika verschreiben.
Eine andere stark diskutierte Arbeit stammt aus der Justiz: So zeigten israelische und US-amerikanische Forscher 2011, dass Richter häufiger zugunsten von Beschuldigten oder von Gefangenen bei Bewährungsanträgen entschieden, wenn die entsprechenden Fälle am Anfang des Tages oder nach einer Essenspause verhandelt wurden.
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