Regisseur Michel Franco über "Sundown" – "Meine Filme handeln von meinen Ängsten" – Deutschlandfunk Kultur

Michel Franco im Gespräch mit Patrick Wellinski
Sein Film “New Order” war 2020 für den Goldenen Löwen nominiert, nun trat Regisseur Michel Franco wieder in Venedig an. “Sundown” erzählt von einem Mann, der seine Familie verlässt. Inspiriert wurde der Film von einer persönlichen Krise.
In “Sundown” erzählt der mexikanische Regisseur Michel Franco von einem Mann (gespielt von Tim Roth), der im luxuriösen Acapulco-Urlaub vom Tod seiner Mutter erfährt. Statt zur Beerdigung zu fahren, verlässt er kurzerhand seine Familie und beginnt ein neues Leben. Der Spielfilm verhandelt recht eigensinnig die Frage nach angemessenen Wegen zu trauern, ist aber auch ein Porträt einer untergehenden Elite. Zu sehen war der Film jetzt beim Filmfestival in Venedig.
Im Interview erzählt Michel Franco, wie “Sundown” aus einer depressiven Periode entstand und warum er Acapulco ein ehrliches Denkmal setzen wollte.
Patrick Wellinski: Sie sind ein wahrer Stammgast des Festivals. Wie würden Sie ihr Verhältnis zu Venedig beschreiben?
Michel Franco: Alles begann mit dem venezolanischen Regisseur Lorenzo Vigas, der 2015 den Goldenen Löwen gewann und für uns Regisseure aus Süd- und Mittelamerika die Tür nach Venedig geöffnet hat. Danach zeigte auch ich meine Filme hier und war mit Lorenzo in der Jury. Jetzt haben wir beide unsere neuen Filme im Wettbewerb. Ich könnte mir keinen besseren Ort vorstellen, um “Sundown” zu zeigen.
Wellinski: Letztes Jahr haben Sie den Großen Preis der Jury gewonnen. Jetzt ist schon ihr neuer Film “Sundown” fertig. Sind Sie so ein schneller Filmemacher?
Franco: Nein, ich wünschte, ich wäre schneller! Und ich wünschte, ich könnte vor allem schneller meine Projekte finanziert bekommen! Was soll ich Ihnen sagen? Mein ganzes Leben dreht sich ums Filmemachen. Und ich mache ja sehr persönliche Filme, die sich immer mit dem beschäftigen, was mich beschäftigt. Meine Filme handeln von mir, meinen Ängsten und Unzulänglichkeiten. Deshalb mache ich Filme. Es geht nicht anders. Außerdem verdiene ich so meinen Lebensunterhalt, ich muss also drehen!”
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Wellinski: Wenn Sie sagen, Sie machen persönliche Filme: Was war dann die Grundidee hinter “Sundown”?
Franco: Vor nicht allzu langer Zeit war ich in einer tiefen, persönlichen Krise. Das war noch vor den Dreharbeiten zu “New Order”. Mir ging es sehr schlecht. Ich habe schlechte Entscheidungen in meinem Privatleben getroffen und plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wie 25, sondern wie 65. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich überlegt, Antidepressiva zu nehmen. Ich hatte die Pille schon in der Hand, doch dann habe ich gesagt: Scheiß drauf! Das wird jetzt ein Film! Das ist der Luxus meines Berufs: Ich kann Dinge nehmen, die mich fertig machen und das in einem Film umsetzen. Und plötzlich war da diese Idee zu “Sundown”.
Wellinski: Es ist nicht leicht, über “Sundown” zu sprechen ohne alles zu verraten. Ihr Skript ist sehr genau konstruiert. Fast schon mathematisch präzise. Was war dahingehend die größte Herausforderung?
Franco: Die größte Herausforderung war es, die Hauptfigur Neil zu verstehen. Ich wollte begreifen, wieso er so ist, wie er ist. Wieso er sich so seltsam verhält. Dem musste ich schreibend auf den Grund gehen. Wer ist dieser Mann? Wieso ist er in Acapulco? Wie spiegeln die äußeren Umstände seine innere Welt? Das war schwer ins Drehbuch zu übersetzen. Dazu kam die Familiendynamik und die Liebesgeschichte. Es steckt viel drin in diesem kurzen Film. Die Liebesgeschichte zwischen Neil und der Mexikanerin ist eine schweigsame, weil sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Das musste ich überzeugend und glaubwürdig rüberbringen.
Wellinski: Dann bleiben wir doch in Acapulco. Sie zeigen die Stadt zunächst als Ort für reiche Touristen in abgeschlossenen Resorts, in Gated Communities. Dann geht es weiter in das andere, ärmere, gefährlichere Acapulco. Wie wollten Sie die Stadt zeigen?
Franco: Ich wollte die vielen Gesichter Acapulcos zeigen. Die Bewegung des Films entspricht der Reise der Hauptfigur. Wir beginnen im reichen Acapulco und driften immer weiter runter. Der Film ist ein Liebesbrief an Acapulco. Ich meine das nicht ironisch, weil ich ja auch Gewalt zeige. Liebe muss immer alle Aspekte des Lebens beinhalten. “Sundown” ist eine Hommage an einen Ort, den ich kenne. Ich war als Kind häufig dort, habe Monate dort verbracht. Damals war es sicher und toll und jetzt ist es eben zu etwas anderem geworden.
Wellinski: Wenn wir nochmal bei Neil bleiben: Er erfährt, dass seine Mutter stirbt und verfällt in gar keine Emotion! Das ist nicht das, was man von einem Trauernden erwarten würde. Ist das nicht vielleicht der Kern des Films: Die unterschiedlichen Ansprüche ans Trauern?
Franco: Charlotte, Neils Schwester, beginnt zu weinen und schreien. Sie reagiert so, wie man es von jemandem erwarten würde, der hört, dass die eigene Mutter gestorben ist. Es ist dramatisch und voller Schmerz. Und wir brauchen diesen Kontrast, um Neils Reaktion als “anders” zu begreifen. Für mich ist “Sundown” eher ein Film über die Grenzen von Freiheit. Neil sollte doch die Freiheit haben, so zu trauern, wie er will, aber keiner von uns ist ja wirklich frei. Wir werden alle ständig beurteilt, man hat Erwartungen, wie wir uns zu verhalten haben, und wenn wir dem nicht entsprechen, bricht die Hölle aus!
Wellinski: Das stimmt! Es kommt aber auch hinzu, dass “Sundown” wieder ein Film ist in dem Sie sich mit dem Untergang der Eliten beschäftigen. In gewisser Weise ging es darum auch in “New Order”. Was interessiert Sie daran?
Franco: In “New Order” war das anders gemeint. Dort habe ich die Eliten als korrupt und kaputt entlarven wollen. Ich wollte Verlogenheit darstellen, den Sexismus, die Gewalt des Patriarchats zeigen. Bei Neil ist es etwas anders. Er ist zwar wirklich reich. Das Geld verdient er durch eine Kette internationaler Schlachthäuser, was schon ein schlechtes Karma auslöst. Er sieht ja ständig tote Schweine um sich herum, die ihn verfolgen. Aber das ist nicht zentral für “Sundown”. Für den Film muss Neil nicht reich sein. Es macht den Kontrast seiner Bewegung einfach deutlicher. Außerdem wird so deutlich, dass er wirklich ein Fremder ist, wenn er sich in Acapulco niederlässt. Das hat mich interessiert.
Wellinski: Vielleicht sollten wir über die Gewalt sprechen, die Gewalt die Neil erfährt. Überhaupt ist Gewalt ein Motiv all ihrer Filme. Sie ist zunächst destruktiv, dann aber auch Motor für Veränderungen.
Franco: Ja, Destruktion kann auch Änderung bedeuten. Ich wollte zeigen, wie Neil durchs Nichtstun in immer gefährlichere Situationen gerät. Aber Neil antizipiert diese Gefahr. Er will zwar nicht, dass ihm oder seiner Familie etwas passiert, aber er weiß, dass Gewalt ein Teil dieser Welt ist, in die er hinabsteigt. Er sieht einen Mord, der ihn kalt lässt. Er erwartet es. Da ist was Selbstzerstörerisches an ihm, das mich interessiert hat.
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