Digitale Nomadin mit Festanstellung: »Ich reise um die Welt, ohne mir dafür freinehmen zu müssen« – DER SPIEGEL

Josefine Loewe, 30, reist seit zwei Jahren als digitale Nomadin um die Welt, derzeit arbeitet sie von Teneriffa aus
»Die Palmen hinter mir sind echt. Einer meiner Kunden war davon völlig verblüfft. Es stellte sich heraus, dass er die ganze Zeit gedacht hatte, ich hätte im Videochat einen Fotohintergrund aktiviert.
Ich arbeite als Recruiterin für Firmen, die keine eigene Personalabteilung haben oder dort kurzfristig Unterstützung brauchen. Im Moment bin ich gerade auf Teneriffa, davor war ich in Portugal und auf Bali. Ich bin eine digitale Nomadin; ich reise um die Welt, ohne mir dafür Urlaub nehmen zu müssen. Meine Arbeit nehme ich einfach mit.
Auf die Idee bin ich während einer Reise durch Südostasien gekommen. Ich hatte mir dafür vier Monate unbezahlten Urlaub von meinem Konzernjob genommen, und besonders gut gefiel es mir auf Bali. Hier treffen sich digitale Nomaden aus aller Welt, es gibt Dutzende Anbieter von Co-Working-Spaces und Gästehäuser, die sich auf gemeinsames Wohnen und Arbeiten spezialisiert haben. Der Einstieg in die Welt des ortsunabhängigen Arbeitens wird einem in solchen Gästehäusern leichtgemacht: Schon am ersten Tag findet man dort ein halbes Dutzend neue Freunde aus aller Welt.
Und so habe ich von Bali aus meinen Job in Deutschland gekündigt. Meine Chefs hätten mir niemals erlaubt, außerhalb der Firmenzentrale zu arbeiten, aber ich war ohnehin mit der Arbeitskultur unzufrieden, und deshalb fiel mir der Schritt leicht.
Vier Monate lang habe ich mein Glück als selbstständige Recruiterin versucht. Aber sich eine Existenz neu aufzubauen und gleichzeitig ein neues Leben in der Ferne zu beginnen, war einfach zu viel. Also bin ich zurück nach Deutschland und habe mich auf die Suche gemacht nach einem Arbeitgeber, der kein Problem damit hat, dass ich nicht vor Ort im Büro arbeite, sondern am anderen Ende der Welt.
Zwischendurch kam mir das vor wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sobald ich im Vorstellungsgespräch von meinen Asienplänen erzählt habe, war ich schon aus dem Rennen. Vor allem die Zeitverschiebung und die Entfernung haben viele abgeschreckt. Einmal wurde ich sogar gefragt, ob ich polizeilich gesucht würde, als ich erzählte, dass ich keine Wohnung in Deutschland mehr habe. Aber letztlich fand ich doch einen Chef, den ich von mir und meinen Plänen überzeugen konnte.
Wir vereinbarten eine Probezeit von ein bis drei Monaten im Berliner Büro, in der ich die Tools, Prozesse und Strukturen kennenlernen, die Kolleginnen und Kollegen treffen und ein wenig Vertrauen aufbauen konnte. Mein Abflug nach Bali stand unter der Prämisse, dass diese Probezeit für alle Beteiligten gut läuft – und ich durfte dann schon nach einem Monat los. Zum Flughafen bin ich am letzten Tag der vier Wochen direkt nach der Arbeit, den Rucksack hatte ich schon ins Büro mitgebracht.
Josefine Loewe genießt die Freiheit des mobilen Arbeitens
Privat
Ein bisschen mulmig war mir aber, denn nach nur vier Wochen in einem Unternehmen kann man ja schwer abschätzen, ob die Kommunikation aus der Ferne auch wirklich funktionieren wird und die Projekte so laufen werden wie erhofft.
Bali ist Deutschland sechs oder sieben Stunden voraus, je nachdem, ob gerade Sommer- oder Winterzeit ist. Mit meinem Chef hatte ich vereinbart, meine Arbeitszeit an die deutschen Geschäftszeiten anzupassen und immer zwischen 10 und 16 Uhr deutscher Zeit erreichbar zu sein. Die Praxis hat dann gezeigt, dass viele Kunden glücklich sind, wenn man ihnen Termine sehr früh am Tag anbietet, weil dann noch nicht so viel los ist.
Meistens war ich deshalb ab 8 Uhr deutscher Zeit erreichbar, das heißt, mein Arbeitstag auf Bali begann um 14 Uhr und endete um 23 Uhr. Mittagspause machte ich zeitgleich mit den Kollegen in Deutschland, »Sunset-Break« nannte ich das. Denn auf Bali geht die Sonne jeden Tag zwischen 18 und 19 Uhr unter, egal ob Sommer oder Winter, und so konnte ich jeden Tag den Sonnenuntergang anschauen und dann zu Abend essen, bevor es weiter ging mit der Arbeit. Der späteste Telefontermin, den ich mal hatte, war um Mitternacht. In der Regel habe ich aber nach 23 Uhr Ortszeit keine Termine mehr angenommen, was für die Kollegen in Deutschland auch völlig okay war.
Mein Chef hatte mir von sich aus angeboten, auf Bali einen Schreibtisch in einem Co-Working-Space zu finanzieren, und das Angebot habe ich gern angenommen. Täglich zur selben Zeit ins Büro zu gehen, hat meinem Tag Struktur gegeben, außerdem war es schön, bei der Arbeit nicht ganz allein zu sein. Mein Co-Working-Space auf Bali hat rund 200 Euro im Monat gekostet und war rund um die Uhr geöffnet, eigentlich war immer etwas los. Dadurch, dass dort so viele Menschen aus so vielen Ländern arbeiten, ist immer für jemanden gerade Hauptgeschäftszeit. 
Meine Zeit auf Bali fand ein jähes Ende, als ich Freunde in Australien besuchte – und mitten in den ersten Corona-Lockdown geriet. Aus den geplanten zehn Tagen, die ich bei meinen Freunden hatte bleiben wollen, wurden zehn Wochen. Gearbeitet habe ich dann von dort, aber nach Absprache mit meinem Chef nur wenige Stunden am Tag. Nach Bali durfte ich nicht wieder einreisen. So blieb mir nur der Rückflug nach Deutschland.
Den Sommer über nahm ich mir ein WG-Zimmer in Berlin und arbeitete dort im Büro, was nach fast zwei Jahren Remote-Arbeit eine ganz merkwürdige Erfahrung für mich war – und mich darin bestärkt hat, auch in Zukunft als digitale Nomadin unterwegs sein zu wollen. Denn tatsächlich bin ich unterwegs produktiver.
Die Arbeitsleistung von meinen Kollegen und mir lässt sich sehr genau an Umsatzzahlen messen. Da wir für andere Firmen im Einsatz sind, müssen wir unsere Arbeitszeit detailliert dokumentieren. Da zeigt sich, dass ich die beste Leistung bringe, wenn ich nicht im Büro sitze. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich ein sehr kommunikativer Mensch bin und im Büro ständig in Versuchung komme, mit anderen zu quatschen. Aber unterwegs kann ich mich auch viel leichter von der Arbeit erholen.
Es macht schon einen Unterschied, ob ich mich abends in eine überfüllte U-Bahn quetsche oder zum Sonnenuntergang auf einen Vulkan wandere, wie hier auf Teneriffa. Sobald ich den Laptop zuklappe, ist die Arbeit weg, und ich kann abschalten. Das ist mir in Berlin nicht gelungen, und deshalb habe ich mich so bald wie möglich wieder auf den Weg in die Sonne gemacht.
Ich arbeite derzeit 32 Stunden die Woche, jeden Freitag habe ich frei. Das ist für mich die perfekte Work-Life-Balance. So kann ich an den Wochenenden auch mal längere Ausflüge machen. Jetzt, wo ich auf Teneriffa bin, zum Beispiel nach La Gomera.
Vom Strand aus zu arbeiten, finde ich mit dem Laptop schwierig. Mir ist es schon wichtig, einen richtigen Arbeitsplatz mit Tastatur, Maus, Monitor, Laptopständer und anständigem Stuhl zu haben, und darauf achte ich auch bei meinem Team.
In den eineinhalb Jahren, die ich jetzt für Kooku arbeite, wurde ich schon zweimal befördert und führe nun ein kleines Team aus drei Mitarbeitern. 90 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich jetzt mit Gesprächen, sei es per Chat oder Telefon. Das ist teilweise schon eine Herausforderung: Wegen der Coronakrise haben die meisten Co-Working-Spaces geschlossen, und ich muss immer erst einen Arbeitsplatz finden, der ruhig genug ist und an dem ich auch meine Mitbewohner nicht störe. Als Texter oder Softwareentwickler hat man es da einfacher.
Solange es kein gesetzliches Recht auf Homeoffice gibt, sind Sie auf die Zustimmung Ihres Arbeitgebers angewiesen. Legen Sie deshalb vorab Ihre Pläne dar: Wie stellen Sie sich Ihr Homeoffice in der Ferne vor? Können Sie sicherstellen, dass Sie zu deutschen Geschäftszeiten online erreichbar sind? 
Unbezahlter Urlaub ist eine gute Möglichkeit, das Leben in der Ferne für einige Monate zu testen und sich nach geeigneten Co-Working-Spaces umzusehen – oder sich auf Jobsuche zu machen, falls Ihr Chef Ihren Plänen eine Abfuhr erteilt hat. Damit es aber dazu nicht kommt: Schlagen Sie eine Testphase von beispielsweise vier Wochen vor. In dieser Zeit können Sie dann beweisen, dass Sie genau so produktiv und gut erreichbar sind, wie sonst auch.   
Wenn Sie drei Wochen lang vom Strand aus arbeiten wollen, müssen Sie außer Ihrem Arbeitgeber erst mal niemanden informieren – aber Sie sollten auch in diesem Fall eine Auslandskrankenversicherung haben, die zum Beispiel Krankentransporte zurück nach Deutschland übernimmt. Komplizierter wird es, wenn Sie umziehen und einen neuen Wohnort anmelden wollen, denn dann müssen Sie eventuell in dem jeweiligen Land in die Sozialversicherung einzahlen und Steuern zahlen. Und wer außerhalb der EU arbeiten möchte, muss sich gegebenenfalls bei den Botschaften oder Konsulaten um Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen kümmern. Viele Digitale Nomaden sind mit Touristenvisa unterwegs – aber bewegen sich damit in einer rechtlichen Grauzone.
Wer einen ortsunabhängigen Job erst noch finden muss, sollte sich von Deutschland aus bewerben. »Aus dem Ausland gestaltet sich dieser Prozess eher schwierig«, sagt Josefine Loewe. Schlagen Sie schon von sich aus im Vorstellungsgespräch eine Probezeit in Deutschland vor, um Vertrauen aufzubauen. 
Weltweit gibt es Co-Living- und Co-Working-Spaces, in denen man leicht Kontakte zu Digitalen Nomaden knüpfen kann. Das erleichtert den Start ins ortsunabhängige Arbeiten. 
 
Die ersten Monate auf Bali habe ich in einem Gästehaus für digitale Nomaden gelebt, aber auf die Dauer wurde mir dort das ständige Kommen und Gehen zu viel. Ich suche mir jetzt gezielt Mitbewohner, die sich mit mir die Miete teilen, was aber meist ganz einfach ist: Es gibt viele Facebook– und Meet-up-Gruppen, in denen man Gleichgesinnte findet, und viele trifft man auch ständig wieder, denn weltweit gibt es klassische Hotspots für digitale Nomaden; Chiang Mai in Thailand zum Beispiel oder Ubud auf Bali, aber auch Lissabon oder eben Teneriffa.
Hier leben wir gerade zu dritt in einem Haus mit drei Schlafzimmern. Der eine Mitbewohner arbeitet als User-Experience-Designer für eine Fluglinie in Madrid, der andere als CEO eines Start-ups in London – diese bunte Mischung finde ich großartig. Typische WG-Streitigkeiten gibt es trotzdem nur selten, wahrscheinlich weil alle, die als digitale Nomaden leben, auch ähnlich ticken. Und wenn man doch mal auf jemanden trifft, mit dem man sich nicht versteht, zieht man eben weiter.
Diese Unverbindlichkeit macht es mitunter schwer, feste Beziehungen einzugehen. Langfristig könnte ich mir deshalb vorstellen, mir ein festes Zuhause in Südeuropa zu suchen. Das Leben auf Bali ist zwar großartig, aber als Ausländer lebt man auch in einer Blase.
Für rund 1200 Euro im Monat hat man auf Bali ein luxuriöses Leben; wohnt in einem Haus mit Pool, das zweimal die Woche geputzt wird, geht dreimal am Tag auswärts essen, kriegt seine Wäsche gewaschen und gebügelt und lässt sich zweimal pro Woche massieren. Dienstleistungen sind dort einfach unfassbar günstig. Das bedeutet aber auch, dass man für ein Eis an der Tankstelle so viel zahlt wie für die saubere Wäsche einer ganzen Woche. Da stimmen die Relationen nicht – und auf Dauer fühle ich mich damit unwohl.«
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