Berlins Amtsärzte wehren sich im Streit um Quarantäne-Vorschriften für Kinder – Tagesspiegel

„Keine Weisung von Nichtärzten“: Im Konflikt um Quarantäne-Vorschriften für Schulen und Kitas widersetzen sich Berlins Amtsärzte dem Druck aus der Politik.
In der Debatte um Quarantäne für Schul- und Kitakinder wehren sich die Amtsärzte der Hauptstadtregion gegen politischen Druck. „Der Arztberuf ist ein freier Beruf. Jedes ärztliche Handeln muss frei von politischer oder sonstiger Einflussnahme sein“, sagte Gudrun Widders, die Amtsärztin von Spandau, dem Tagesspiegel. „Fachlich können Ärzte nicht der Weisung von Nichtärzten unterliegen. Das ist unter anderem durch die ärztliche Berufsordnung ausgeschlossen.“
In Berlins rot-rot-grüner Koalition wurde dies am Sonntag als klare Kritik am Senat aufgefasst. Widders, die als regionale Vizechefin des Verbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes spricht, spielt damit auf Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) an. Die hatte letzte Woche durchgesetzt, dass möglicherweise ganze Klassen in Quarantäne geschickt werden, wenn nur ein Schüler positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden ist.
Diesen Beschluss hatten nicht nur die Amtsärzte kritisiert, sondern auch der Chef des Gesundheitsausschusses im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers. Der Linken-Politiker widersprach damit auch seiner Fraktion. Am Sonntag sagte Albers, der selbst Arzt ist: Ganze Klassen regelmäßig in Quarantäne zu schicken, sei keine Lösung – und schon gar kein Weg in die schulische Normalität.
Zuvor hatten Berlins zwölf Amtsärzte einen Strategiewechsel empfohlen. Demnach sollten allenfalls die unmittelbaren Haushaltsangehörigen eines positiv-getesteten Schülers in Quarantäne gehen, zudem nur diejenigen Kinder, deren PCR-Test positiv ausgefallen war. Kalayci kanzelte die Mediziner, die in den Bezirken die Gesundheitsämter leiten, ab: „Es ist gut, dass sie Ideen haben“, die Gesundheitsverwaltung bleibe aber bei der harten Linie, die Amtsärzte hätten „sich überhoben“.
Amtsärztin Widders sagte dagegen, freiheitsentziehende Quarantäne bedürfe einer „medizinisch plausiblen Begründung“ – durch die aktuelle Infektionsschutzmaßnahmenverordnung sei das nicht gegeben. „Angesichts der überwiegend sehr milden und häufig auch symptomlosen Verläufe bei Kindern und Jugendlichen ist es unangemessen, mit Quarantäne für ganze Klassen oder Lerngruppen zu reagieren.“
Unter den Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst kursiert folgende Zahl: 95 Prozent der Kinder in Quarantäne beträfe die Maßnahme zu Unrecht. Psychologen warnen seit Monaten vor den seelischen Folgen pandemiebedingter Isolation für Kinder.
„Das Versagen von Kita- oder Schulbesuch führt vor allem durch wiederholte Quarantäneperioden oder gar Schulschließungen zu psychosozialen Problemen und Bildungslücken. Manche europäische Länder verzichten deshalb komplett auf Schulschließungen und Quarantäne in Grundschulen und Kitas“, sagte Widders und führte aus: „Andererseits besteht das Grundrecht auf Gesundheit. Neben möglichen Infektionsübertragungen unter den Kindern besteht das Risiko von Übertragungen auf besonders durch schwere Krankheitsverläufe gefährdete Personen, zum Beispiel in der Familie. Ärztinnen und Ärzte müssen deshalb genau beurteilen, ob das Recht auf Gesundheit verletzt wird und wie die Risiken einzuschätzen sind.“
In Brandenburg gilt eine andere Regel: Wenn die Gesamtlage in einer Schule für ein geringes Infektionsrisiko spricht, kann das örtliche Gesundheitsamt die Quarantäne nur für die Sitznachbarn des Betroffenen anordnen. In Berlin tagt am Montag der Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. Erwartet wird, dass die Quarantäne-Regeln dort zum Thema werden.

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