„Für mich sind Altcoins moderne Fintechs und damit Shitcoins“ – Berliner Zeitung

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Auf YouTube erklärt Roman Reher als Blocktrainer, wie Bitcoin funktioniert, und verteidigt ihn gegen weitverbreitete Mythen. Ein Gespräch down the rabbit hole.
Katharina Brienne, 2.10.2021 – 19:35 Uhr
BerlinVideos aus der Kryptoszene funktionieren auf YouTube häufig so: Trader, die in schrillen Alarm-Meldungen darüber berichten, ob Kurse abstürzen oder steigen. Die am meisten kommentierte Währung ist dabei die Mutter der Kryptografie: Bitcoin. Roman Reher spricht wenig über Bitcoin als Anlageobjekt. Als „Blocktrainer“ erklärt er auf seinem Kanal Bitcoin vielmehr als Alternative zum bestehende Finanzsystem. Reher sitzt, während er mit der Berliner Zeitung am Wochenende spricht, auf einem dieser Bürostühle, die vor allem unter Gamern auf Twitch beliebt sind, und erläutert in schnellen, aber konzentrierten Sätzen, warum Bitcoin nicht einfach nur eine weitere Assetklasse ist.
Berliner Zeitung: Bitcoin wird oft als Sekte beschrieben, die an die sogenannte Kryptografie als Alternative zum bestehenden Finanzsystem glaubt. Eine Gruppe von Narren, wie vor kurzem von einem EZB-Mitarbeiter in der FAZ zu lesen war, die an etwas glauben, was im Grunde weder einen Wert noch eine Zukunft hat. Welche Perspektive haben Sie darauf?
Roman Reher: Bitcoin ist keine Sekte. Der Grundsatz von Religion ist, an etwas zu glauben. Religion versucht, ihren Anhängern Fragen zu beantworten, die nicht zu beantworten sind. Warum leben wir überhaupt? Was kommt nach dem Leben? Und so weiter. Das will Bitcoin gar nicht sein. Bitcoin ist vor allem ein sehr rationaler Beweis über Zeit und Energie.
Inwieweit unterscheidet sich das von unserem bestehenden Finanzsystem? Das ließe sich ja auch als Informationsvermittlung verstehen.
Was Bitcoin so besonders macht, ist, dass es das einzige dezentrale Netzwerk ist, das einen Beweis dafür liefern kann, wie viel Zeit und Energie gebraucht wurde, um einen Bitcoin zu erstellen. Der Speicher, den Bitcoin geschaffen hat, ist dabei außerdem ein für alle nachvollziehbarer, nicht zensierbarer und begrenzter Speicher für die Energie und Zeit, die wir auf ihn verwenden. Das macht Bitcoin zu einem harten Geld und das macht es zu einer rational nachvollziehbaren Dokumentation über physikalische Gesetze, die im Bitcoin digitalisiert sind – als einziges Projekt auf dieser Welt.
Eines der Narrative, das unter Bitcoin-Anhängern viel geteilt wird als Motivation, Teil des Netzwerks zu sein, ist oft ein kritischer Blick auf das bestehende Finanzsystem. Da wird etwa regelmäßig die Geldpolitik der Zentralbanken kritisiert, oder auf den Umstand abgestellt, dass wir seit dem Ende des sogenannten Goldstandards eine sukzessive Quantifizierung von Geld durch die Kreditvergabe von Banken gesehen haben. Letzteres ließe sich aber auch anders deuten. Das Aufkommen von Finanzprodukten wie Derivaten wird mitunter auch als Innovationstreiber besprochen – etwa für die Internettechnologie und damit die Grundlage dafür, dass Bitcoin entstehen konnte.

Ich glaube, Bitcoin ist die Antwort auf Systemstrukturen, die inzwischen viele Tausende Jahre alt sind und die auf zentralen Instanzen beruhen, die uns vorgeben, was Geld ist. Das ist nicht überall so gewesen. Es gibt in der Geschichte der Menschheit auch viele Völker, die ganz ungeachtet einer zentralen Instanz hartes Geld entdeckt haben. Denken wir an den Handel mit Muscheln. So etwas sieht man heute zum Beispiel noch in Gefängnissen, wo Insassen Tauschhandel über Zigaretten organisieren. Zigaretten zu beschaffen, ist im Gefängnis nicht inflationär möglich, sondern sehr schwierig. Das heißt, wir Menschen versuchen, unsere Zeit und unsere Arbeit immer in Werten abzusichern, die schwer zu bekommen sind. Aktuell ist das ein großes Problem, weil unsere Zentralbanken im großen Stil und aus dem Nichts neues Geld schaffen – und damit gleichzeitig der Wert des bereits bestehenden Geldes sinkt. Wer sich an den Film „Momo“ erinnert und die darin erwähnte Zeitsparkasse – das ist ein Bild, das aus meiner Sicht sehr gut auf das bestehende Bankensystem passt.
Roman Reher wird im deutschen Raum als eine der wichtigsten Stimmen zum Bitcoin besprochen. Als „Blocktrainer“ klärt er seit Jahren über dessen Funktionsweise und Entwicklungen im Kryptospace auf. Mit seinem Team kommentiert er darüber hinaus regelmäßig politische Entwicklungen, zuletzt die Frage, welchen Einfluss die Entscheidung der People’s Bank of China, Bitcoin-Transaktionen zu verbieten, auf die Kryptowährung hat.
Eines der Argumente, das regelmäßig vorgetragen wird, um den Bitcoin zu dekonstruieren, ist, dass er keinen intrinsischen Wert habe.

Ich finde, das ist eine interessante Perspektive. Springen wir noch einmal zum Anfang: Ein Wert bildet sich über Zeit und Energie, die in ihn geflossen sind, ergänzt um den Nutzen, den er hat. Ich kann zehn Löcher in meinem Garten buddeln und behaupten, dass sie wertvoll sind. Das bedeutet noch lange nicht, dass sie es tatsächlich sind. Die Löcher müssen zusätzlich auch einen Nutzen haben. Diese beiden Dinge müssen also zusammenkommen. Das heißt, der intrinsische Wert von etwas ist entweder nie da oder immer da, weil Wert subjektiv ist. In den Diskursen um den intrinsischen Wert des Bitcoin wird oft Gold im Vergleich angeführt – also, dass Gold deshalb einen Wert habe, weil es zum Beispiel wichtig für bestimmte Industrien sei usw. Tatsächlich ist Gold aber in so großen Mengen verfügbar, dass, wenn es wirklich auf den Markt käme, wir keinen Nutzen dafür hätten.
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 2./3. Oktober 2021 im Blatt: 
Nach der Wahl ist vor der Wahl: Kommt jetzt für Berlin die Deutschland-Koalition?

Nach der rassistischen Springer-Kampagne gegen Nemi El-Hassan erlaubt der WDR ihr nicht, „Quarks“ zu moderieren. Das ist falsch

Sollte man Deutsche Wohnen wirklich enteignen? Unser Autor positioniert sich klar und doch kontrovers und sagt: „Lieber nicht!“

Wir haben getestet und entschieden: Das Saravanaa Bhavan ist das vielleicht beste indische Restaurant in Berlin

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe
Sie meinen, der Verweis auf Gold sei kein Maßstab, um zu belegen, dass Bitcoin keinen Wert hat?

Unser Papiergeld zum Beispiel hat ganz sicher keinen intrinsischen Wert – also mal abgesehen von dem reinen Papierwert, auf dem es gedruckt ist. Der intrinsische Wert ist hier die Information darüber, wie viel Energie und Zeit wir theoretisch dafür bekommen könnten. Das ist beim Bitcoin auch so. Mit dem Unterschied, dass er das einzige Asset ist, für den es einen digitalen Nachweis darüber gibt, wie viel Zeit und Energie auf seine Produktion verwendet worden sind. Der intrinsische Beweis ist also beim Bitcoin gegeben, weil der Bitcoin einen Beweis über Zeit und Energie liefert. Und das ist der beste Beweis, den man anführen kann, weil er auf zwei wesentlichen Grundpfeilern der Physik beruht.
Die Geburtsstunde des Bitcoin datieren dessen Anhänger auf 2009 und ein damals veröffentlichtes Whitepaper, in dem auf acht Seiten die technische Grundlage von Bitcoin als  „Peer-to-Peer Electronic Cash System“ dokumentiert ist. Um wen es sich bei dem Coder handelt, auf den dieses Papier zurückgeht, ist bis heute nicht bekannt. Veröffentlicht wurde es unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto.
Als weiteres Argument gegen den Bitcoin wird darüber hinaus immer wieder angeführt, dass er wegen des Proof-of-work-Mechanismus ein Klimakiller sei – also das genau die Funktion, die Sie beschreiben, Zeit und Energie digital zu dokumentieren, viel Energie braucht. In einem ARD-Bericht heißt es etwa, mit dem sogenannten Bitcoin-Mining werde bald so viel verbraucht, wie ganz Italien benötigt. Befürworter der Technologie stellen wiederum gerne im Vergleich auf die CO2-Emmissionen von Unternehmen ab, die viele Server betreiben, um Daten zu verarbeiten.
Zunächst finde ich, dass Whataboutism als Verteidigungsstrategie, wie sie oft zu beobachten ist, uns nicht weiterhilft. Dass Banken oder Google auch viel Strom verbrauchen, wäre aus meiner Sicht keine Entschuldigung. Allein, weil sie das eigentliche Problem nicht löst. Ich würde stattdessen darauf hinweisen, wie Bitcoin funktioniert und welche Anreize er insofern setzt. Das Mining-Business ist zum Beispiel ein Profitabilitäts-Business.
Das müssen wir kurz erklären: Mining ist ein Prozess, bei dem Nutzer des Bitcoin-Netzwerks ihre Rechenleistung für die Transaktionsverarbeitung, Absicherung und Synchronisierung der Blockchain zur Verfügung stellen. Die Blockchain dient dabei als eine Art verteilte Datenbank. 
Genau. Ob ein Mining-Business nun profitabel ist oder nicht, kann von Nachkommastellen im Cent-Bereich pro Kilowattstunde Strom abhängen. Je günstiger der Strom, desto besser insofern für den Miner. Jetzt würden viele sagen, deshalb nutzt ihr ja auch so viel Kohle, weil die so günstig zu fördern ist. Aber das trifft immer nur dann zu, wenn wir Ballungszentren betrachten, weil genau dort dieser Strom benötigt wird. Wenn wir auf dem Land sind, ist es nicht sinnvoll, Strom aus Kohle zu nutzen, weil es viel günstiger ist, Wind- oder Solarenergie zu nutzen. Dementsprechend ist der Anreiz für Miner groß, dort ihr Business zu betreiben und dafür erneuerbare Energien zu nutzen.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie weist erneuerbare Energien zwar als wichtigste Stromquelle aus. 2020 betrug der Anteil an Strom aus diesen Quellen an der Gesamtversorgung für Deutschland aber erst 46 Prozent. Sie meinen, der Bitcoin sei ein besserer Anreiz als ihn eine öffentliche Förderung bewirken könnte?
Betrachten wir das einmal so: Öl-Kraftwerke können relativ leicht rauf- und runtergefahren werden, also an den Bedarf angepasst werden. Damit lässt sich also ein hoher Effizienzgrad erreichen. Man muss wissen, dass für ein Stromnetz nicht nur zu wenig Auslastung, sondern auch zu viel Auslastung schlecht ist. Wir müssen das Stromnetz also so bedienen, wie die Menschen gerade Strom brauchen. Bei erneuerbaren Energien wird einem schnell klar, dass das Probleme geben kann. Etwa, wenn es in einer Nacht sehr windig ist, aber niemand Strom braucht, weil alle schlafen. Dann sind die Netze überlastet.
Energieforscher Lars Dittmar erklärt, warum der Einfluss von Bitcoin als Klimakiller überschätzt wird.
Quelle: Youtube/TEDx Talks

Aktuell wird das so gelöst, dass die Netzbetreiber den überschüssigen Strom über Börsen ans Ausland verkaufen.
Oft als Verlustgeschäft allerdings, also zu Negativpreisen. Für Netzbetreiber könnte das Bitcoin-Mining an dieser Stelle sehr interessant sein, wenn sie den ansonsten nicht genutzten Strom aus erneuerbaren Energien fürs Mining einsetzen würden. Damit lässt sich deren Geschäft ganz anders skalieren und auch weitere Investitionen in erneuerbare Energien sinnvoll gestalten, weil darüber Überproduktionen genutzt werden könnten. Wenn einem das klar ist, kann man sehen, dass Bitcoin sogar ein Katalysator für erneuerbare Energien sein kann. Ich finde es sehr schade, dass das oft nicht gesehen wird in der öffentlichen Debatte. Es gibt inzwischen Zahlen, nach denen über 50 Prozent des Bitcoin-Stroms aus erneuerbaren Energien stammen.
In Ihren Videos verteidigen Sie den Bitcoin in dieser Hinsicht häufig auch als alternative Finanzarchitektur zu unserem aktuellen Wirtschaftsmodell, das – sagen Sie – Überproduktion protegiere.
Ich spreche viel über Inflation. Wir kaufen uns nicht alle vier Jahre ein neues Handy, sondern jedes Jahr. Wir leasen nicht alle zehn Jahre ein neues Autos, sondern alle drei Jahre. Und so weiter. Wir leben im absoluten Überfluss und lutschen damit unseren Planeten aus. Wenn Bitcoin ein Standard würde und wir auf dieser Basis ein gesundes Gesellschaftswachstum hätten, das unabhängig von Inflation läuft und nicht aufgebläht würde, würden wir damit mit Sicherheit global massiv viel Energie einsparen. Das ist noch einmal ein ganz anderer Punkt und vor allem eine ökonomische Betrachtung, um die es einen großen Diskurs gibt, weil unklar ist, ob Bitcoin jemals dieses Ziel erreichen kann. Aber dieser Bitcoin-Standard würde ganz andere Anreize setzen: Sparen würde belohnt, es gäbe keine Überproduktion, wir würden erneuerbare Energien nutzen.
Damit sind wir schon relativ weit im „rabbit hole“, von dem Bitcoiner oft sprechen, wenn sie erklären, wie der Bitcoin ihre Sicht auf die Welt verändert hat …
Ja, genau. Wer in das Bitcoin-Rabbit-Hole fällt, fragt sich in der Regel schnell, wie es sein kann, dass wir so wirtschaften, wie wir wirtschaften. Wie wir um Fantasie aufgeblähte Systeme laufen lassen können, die unseren Lebensraum zerstören. Und demgegenüber: Welche krassen Auswirkungen ein Bitcoin-Standard auf den Planeten haben könnte. Wenn Geld keiner zentralen Steuerung mehr entspringt, wie es im Bitcoin angelegt ist, dann verändert das einfach alles. Wer wie Alice im Wunderland als Bitcoiner in den Kaninchenbau fällt, hinterfragt alles und versteht alles aus einer anderen Sichtweise.
Die Bitcoin-Community wird wiederum oft gerade wegen ihrer sehr libertären Ideen kritisiert, die Teil des rabbit hole sind. Da wird etwa besprochen, dass einer Gesellschaft jegliche Machtkonzentration mehr schadet als nützt. Die Blockchain, heißt es wiederum unter Kritikern, mache das verlockende Versprechen, Intermediäre gesellschaftlicher Interaktionen zu ersetzen.
Auch das würde ich erst mal ökonomisch einordnen. Wenn wir noch einmal darauf zurückkommen, wie wir Werte bemessen, dann lässt sich sagen: Werte sind subjektiv. Etwas kann für mich einen ganz anderen Wert haben als für Sie. Zum Problem wird das, wenn eine große zentrale Instanz vorgibt, wie viel etwas wert sein soll. Wer in das der Natur zugrunde liegende Prinzip von Angebot und Nachfrage eingreift, verändert den Marktmechanismus – das ist ein Problem.
Rainer Rehak ist Doktorand in der Forschungsgruppe „Quantifizierung und gesellschaftliche Regulierung“ des Weizenbaum-Instituts und arbeitet unter anderem zur Frage, inwieweit die Blockchain Finanzmarktintermediäre und staatliche Institutionen ersetzen kann und sollte.
Quelle: Youtube/Alumni TU Dortmund Informatik
Dieses Eingreifen ließe sich aber auch als Notwendigkeit betrachten, Macht-Asymmetrien zu verhindern.

Sehen wir uns zum Beispiel Amazon an, die dieser Tage gigantische Gewinne einfahren. Das würden sie aber nicht, wenn sie nicht massiv staatlich subventioniert worden wären. Das, was Amazon heute an lokalen Geschäften verschlungen hat, würde ansonsten noch bestehen. Vielleicht gäbe es sogar viele Geschäfte, die viel besser als Amazon funktionieren würden, viel bessere Produkte hätten und lokaler wären. Ich glaube tatsächlich, dass wir mit einem Bitcoin-Standard die Welt wieder auf sehr viel lokalere Strukturen herunterbrechen würden und trotzdem mehr Innovation sehen würden, als wir sie aktuell sehen. Inflation wird ja heute oft als Hebel für Innovationen besprochen. Da wird dann oft angeführt, die Innovationen, die wir heute sehen, basierten darauf, dass sie durch Inflation angeschoben worden seien. Ich glaube eher, dass der Fortschritt in unserem Lebensstandard auf der Innovationskraft des Menschen beruht und die Inflation eher eine Bremse ist – auch, wenn wir das gerade nicht sehen können, weil die Effekte der Inflation von den Zentralbanken durch noch mehr Geld gedeckelt werden.
Sie spielen auf die Theorie an, der zufolge mit der Geldpolitik der Zentralbanken ein altes System substituiert wird, das eigentlich nicht mehr funktioniert – anstatt eine Marktbereinigung zuzulassen?
Ich glaube, viele Menschen haben Angst vor einer solchen Situation. Wenn wir das System scheitern lassen und in ein anderes System wechseln, tapsen wir damit ins Ungewisse. Dann bekommen wir etwas, was wir nicht kennen. Und aktuell geht es uns doch eigentlich gut, könnte man meinen. Wir leben im Wirtschaftswachstum, im Überfluss – was wollen wir mehr? Wir können vielleicht erkennen, dass wir ein Problem mit unserem Klima haben, aber ansonsten ist doch alles super (lacht). Die Forderung, es müsse sich etwas ändern, wird dann oft an die Politik adressiert. Das erlebe ich als Ambivalenz, weil vielfach nicht verstanden wird, dass das, was gefordert wird, Teil des Problems ist und dass die Politik diese Probleme nicht lösen kann. Eigentlich können wir das Problem nur selbst lösen, indem wir mündig handeln.
Machen wir weiter in der Kritik-Klaviatur: Ein Thema, das die Gemüter erregt, ist auch, wie volatil der Bitcoin ist. Es wird behauptet, dass er allein deshalb nicht funktionieren kann – weder als Vermögensspeicher noch als Währung.
Bitcoin funktioniert im Moment wie jeder Kapitalmarkt, der klein ist und mit relativ wenig Geld manipuliert werden kann. Man muss aber auch sehen, dass das der Status quo ist und sich ändern wird, umso mehr Menschen Bitcoin halten und ihn damit als Gut verknappen. Darüber wird sich der Preis stabilisieren. Wenn sich der Preis erst einmal stabilisiert hat, wird Bitcoin auch als Währung zu nutzen sein. Das ist also ein sich selbst anfeuernder Prozess. Es gibt aber einen Aspekt, der mich annehmen lässt, dass Bitcoin noch sehr lange volatil bleiben wird. Wenn wir uns anschauen, wie die heutigen Kapitalmärkte funktionieren, dann läuft dort sehr viel über Finanzintermediäre wie Hedgefonds – die das Kapital ihrer Kunden im Markt verwalten, mit dem Ziel einer bestmöglichen Rendite. Gewinne ziehen Marktteilnehmer wie Hedgefonds dabei nicht nur aus steigenden, sondern auch aus fallenden Kursen.
Ein prominentes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Causa Gamestop. Im Frühjahr dieses Jahres hat eine Schar Kleinanleger gegen Hedgefonds gewettet, die wiederum auf den Kursverfall des Spieleanbieters gewettet hatten. Solche Leerverkäufe sind wiederum, muss man wissen, im Markt gang und gäbe, volatile Kurse besonders renditeversprechend …
Genau, bei Bitcoin sehen wir regelmäßig, dass, wenn der Kurs gerade eine Rallye hingelegt hat, große Anleger große Beträge aus dem Bitcoin ziehen, um dann wiederum mit Wetten gegen den Kurs hohe Renditen einzustreichen. Denen geht es allein darum, ein weiteres Asset zu finden, auf das sich Geld werfen lässt und mit dem sich hohe Gewinne verdienen lassen. Und das funktioniert eben am besten in großer Volatilität. Dieser Prozess, dass Hedgefonds so vorgehen, wird erst aufhören, wenn sie begreifen, dass das Ziel nicht ist, mehr Dollar mit Bitcoin zu verdienen, sondern mehr Bitcoin zu besitzen. Wenn Bitcoin erst mal das statische Asset ist, als das es angelegt ist, dann wird der Bitcoin stabil sein. Während ihm gegenüber alle anderen Assets stark schwanken werden, weil Anleger dann versuchen werden, über Renditen aus Volatilitäten anderer Assets mehr Bitcoin zu kaufen. Erst an diesem Punkt, glaube ich, wird sich Bitcoin von allen anderen Märkten entkoppeln und seine bisherige Volatilität ein Ende finden.
Bitcoin macht die Inflation der Fiat-Währungen sichtbar und bringt sie so zum Scheitern.
Roman Reher
Seit wann, würden Sie sagen, sind die institutionellen Anleger mit an Bord beim Bitcoin?
Ich glaube, das hat 2017 begonnen. Damals fehlte aber noch der rechtliche Rahmen für solche Geschäfte. Der ist seitdem sukzessive aufgebaut worden. Einer der Startschüsse war sicher, als der amerikanische Unternehmer Michael Saylor angekündigt hat, groß in den Bitcoin einzusteigen. Saylor hat verstanden, was Bitcoin ist, und will gar nicht zurück in den Dollar. Er gibt sogar Wandelanleihen auf sein Unternehmen aus, um sich weiter in Bitcoin einzukaufen. Saylor hat erkannt, dass der Bitcoin-Kurs schneller steigen wird als alles andere, in das er investieren könnte, und legt dementsprechend das Geld der Anleger seines Unternehmens in Bitcoin an. Mit Michael Saylor passiert das aktuell noch im kleinen Rahmen. Wenn alle Unternehmer das täten, würde das in einer spekulativen Attacke gegen den Dollar enden. Bitcoin macht letztlich die Inflation der Fiat-Währungen sichtbar und bringt sie so zum Scheitern.
Im Moment scheint rund um den Bitcoin so eine Art Adaption derivater Geschäftsfelder stattzufinden, wie wir sie bislang vor allem abseits von Krypto gesehen haben. Die Frankfurter Derivatebörse Eurex hat zum Beispiel erst Mitte September einen ETN-Future auf den Bitcoin-Kurs ausgegeben. Konterkarieren solche Produkte nicht, was der Bitcoin aus Ihrer Perspektive ist? In Ihren Videos werben Sie ja sogar ausschließlich für den Bitcoin als Investition und sprechen sich gegen alle Altcoins aus.
Ich war eine ganze Weile sehr mit Altcoins befasst und war, glaube ich, auch einer der Ersten im deutschsprachigen Raum, die erklärt haben, was mit Ethereum 2.0 als Update kommt. Ich habe sehr viele Videos über IOTA produziert und war sogar als Ambassador für Cardano engagiert. Den Titel habe ich inzwischen aber freiwillig abgelegt, weil ich irgendwann erkannt habe, dass diese Altcoins am Ende das sind, was die Kapitalmärkte heute sind. Im Zentrum dieser Altcoin-Projekte steht irgendein dude, der sein Zeug mit hohen Versprechungen verkauft. Indem er seinen Anlegern verspricht, dass sie damit Innovation unterstützen, weil von den Investitionen Entwickler bezahlt werden, die abgefahrenen stuff programmieren. Das ist es, was im Altcoin-Space passiert. Meiner Meinung nach kann keines dieser Projekte, was Bitcoin kann – nämlich den Beweis über Zeit und Raum erbringen, der in diese Assets geflossen ist. Für mich sind Altcoins moderne Fintechs und deshalb gar nicht als alternative Coins zu bezeichnen, sondern als Shitcoins. Letztlich ist das genauso Müll wie unser Fiatgeld. Ich sehe darin auch keine Innovation. Ich sehe darin Entwicklungen, die in den heutigen Märkten beliebt sind. Also den Märkten, von denen wir vorhin festgestellt haben, dass man mit ihnen super inflationiertes Geld über Pump and Dump einsammeln kann. Das ist aber alles nichts, was die Welt verändert.
Das Lightning-Netzwerk als Layer über den Bitcoin hingegen wird vielfach – und ich glaube auch von Ihnen – als recht sinnvoll beschrieben.
Ich würde sagen, das Lightning-Netzwerk ist nach Bitcoin eine der gravierendsten und größten Innovationen unserer Zeit. Lightning ist ein Peer-to-Peer-Netzwerk, das theoretisch auch ohne Bitcoin funktioniert, und über das es möglich ist, sich gegenseitig Nachrichten oder andere Formen von Kommunikation, aber eben auch monetäre Werte wie Bitcoin zuzuschicken. Das Netzwerk wird komplett ohne Shitcoin betrieben und wächst gerade rasant. Es zerstört, wenn man versteht, was es kann, auf einen Schlag unzählige Narrative vieler Altcoiner.
In seinen Videos bespricht Roman Reher sowohl die Funktionsweisen von Bitcoin als auch daran gekoppelten Projekten, wie dem Lightning-Netzwerk.
Quelle: Blocktrainer/Youtube
Wie funktioniert das?
Über höhere Transaktionsgeschwindigkeiten und Transaktionskosten, die massiv wegfallen, aber auch über neue Märkte, die damit entstehen. Als Nutzer des Netzwerks kannst du Transaktionskosten erheben, wenn du eine Node hältst, die dem System als Knotenpunkt dient, über den Liquidität bereitgestellt wird. Auf der Basis werden wiederum Transaktionen abgewickelt (eine Node nennen die Bitcoiner einen kleinen Computer, auf dem die gesamte Blockchain abgebildet ist, Anm. d. Red.). 
Das klingt so, als sei es der Funktionsweise von Ethereum nicht so unähnlich.
Heruntergebrochen ist das ähnlich wie bei Ethereum, mit dem Unterschied, dass Bitcoin als Grundlage des Lightning-Netzwerkes sicher ist und man darauf insofern viel bessere Liquiditäts-Channel bauen kann. Das Bitcoin-System ist in den vergangenen zwölf Jahren seltener ausgefallen als Fedwire und jedes andere technische Netzwerk, das Menschen gebaut haben (Fedwire ist ein Clearinghaus für elektronischen Zahlungsverkehr auf Basis des US-Dollar, Anm. d. Red.). Einfach, weil es dezentral ist und keine single points of failure hat. Das unterscheidet Bitcoin von allen anderen Altcoins.
Was währenddessen über allem schwebt und auch im FAZ-Artikel angesprochen wird, ist der regulatorische Gesinnungswandel. Inwieweit sehen Sie Bitcoin davon bedroht? In China wurde Bitcoin zum Beispiel bereits diverse Male verboten, zuletzt nach den Konkurs-Gerüchten um den Immobilienentwickler Evergrande.
Was lustig ist, weil sich in China Bitcoin trotzdem schneller verbreitet hat als überall sonst. Das ist auch so ein bisschen das, worum es geht. Natürlich kann ein Staat gegen den Bitcoin Gesetze beschließen. Ich glaube, am Ende zensiert man sich als Staat damit selbst. Wenn man einmal gecheckt hat, dass Bitcoin nicht mehr aufzuhalten ist, dann kann man sich damit eigentlich nur noch arrangieren und die Türen so weit wie möglich aufmachen. Das wäre für einen Staat das Allerbeste, gleichsam wird Bitcoin sein altes System stürzen – oder vielleicht eher ersetzen, weil es einfach die effizientere Methode ist. Im Moment sehe ich aber nicht, dass das von der Politik beziehungsweise der Gesetzgebung erkannt wird.
Important tweetstorm regarding crypto regulation in the US. This type of regulation will kill web3 innovation & might be the end of the US dominating the world econ. If europeans mimic this will be the the end of europe too & and opportunity for Africa & LatAm to rise to power ✊ https://t.co/ruyyjP50AI
Gehen wir für einen Moment davon aus, Sie haben recht und wir sehen da gerade, wie ein neues Finanzsystem entsteht. Dann müssten wir doch festhalten, dass Bitcoin irgendwann auch eine Machtasymmetrie bedeuten könnte, die nach dem Prinzip „der frühe Vogel frisst den Wurm“ zustande kommt.
Ich glaube trotzdem, dass es ein gerechteres System als das bestehende ist. Nicht heute allerdings. Heute investieren wir früh und profitieren am meisten. Das ist auch erst mal nicht gerecht. Was aber gerecht ist, ist, dass jeder mitmachen kann. Im klassischen Finanzsystem ist das nicht möglich. Da kann ich nur einsteigen, wenn es die Bank mir erlaubt und wenn der Staat es mir erlaubt. Denken wir an die Zensur der USA von Iran, Afghanistan usw.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, in den Bitcoin einzusteigen?
Immer. Bitcoin, und das verstehen viele nicht, kann man auch in kleinen Beträgen kaufen – zum Beispiel für 20 US-Dollar Gegenwert. Es gibt keinen falschen Zeitpunkt. Ich glaube, Bitcoin ist das letzte Geld der Welt und wird auch in tausend Jahren noch nach den Prinzipien laufen, die im Quellcode angelegt sind. Vielleicht in anderem technischen Gewand, aber die Grundsätze – Geld aus Energie und Zeit, dezentral dokumentiert mit klarer Historie –, das wird bleiben.
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
Hersteller streben einen Aufschlag von mindestens fünf Prozent an. Es ist wahrscheinlich, dass der Einzelhandel die Preiserhöhung an die Kunden weiterreicht.
Berlin blickt auf ein Wachstumsjahrzehnt. Trotzdem gibt es Kritik am Senat. Unternehmer-Vertreter Christian Amsinck sagt im Interview, was besser werden muss.
Wer an der Frischetheke einkauft, hofft auf bessere Qualität und höheres Tierwohl. Doch die Wirklichkeit entspricht leider oft nicht den Kundenerwartungen.

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