Evergrande in der Krise: Rettet Peking den schwankenden Riesen? | tagesschau.de – tagesschau.de

Die drohende Pleite des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande hat Turbulenzen an den asiatischen Börsen ausgelöst. Chinas Zentralbank versucht, die Nerven zu beruhigen. Experten fragen sich, ob die Regierung einspringt.
Die drohende Pleite des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande sorgt an den internationalen Aktienbörsen zunehmend für Unruhe. Seit Tagen geht es an den Finanzplätzen Shanghai und Hongkong nur noch bergab. Die Lage hat sich derart zugespitzt, dass die chinesische Zentralbank nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg 14 Milliarden Dollar in das Bankensystem gepumpt hat, um die Lage zu beruhigen. Offenbar mit Erfolg: Der Leitindex der Börse Shanghai schloss am Freitag unverändert, nachdem er in den Vortagen tief in die Verlustzone geraten war.
Grund für die Sorge der Anleger ist der Absturz der Aktie von Evergrande, einer der größten Immobilienentwickler Chinas. Das Papier ist seit Jahresbeginn um 81 Prozent eingebrochen, allein im vergangenen Monat hat das Unternehmen knapp die Hälfte an Wert eingebüßt. An der Börse wird Evergrande derzeit nur noch mit 4,7 Milliarden Dollar bewertet.
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Damit wächst die Sorge vor einem Crash des Konzerns, vor allem angesichts seines horrenden Schuldenbergs. Die gesamten Verbindlichkeiten des Immobilienriesen belaufen sich auf über 300 Milliarden US-Dollar – das entspricht der gesamten Wirtschaftsleistung Finnlands oder zwei Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes. Die Schulden werden zu 90 Prozent von den Banken gehalten, darunter sind alle namhaften Institute des Landes wie die ICBC, Industrial & Commercial Bank of China und die Agricultural Bank of China.
Eine erste Feuertaufe der Zahlungsfähigkeit von Evergrande steht an diesem Montag an. Dann ist laut Bloomberg eine erste Rückzahlung eines millionenschweren Kredits fällig. Eine weitere Tranche muss am Donnerstag zurückgezahlt werden. Die chinesischen Behörden haben aber bereits gewarnt, dass das Unternehmen nicht in der Lage sein werde, die Zahlungen zu leisten.
1996 gründete der Unternehmer Hui Ka Yan Evergrande in der Provinzhauptstadt Guangzhou, der Firmensitz wurde dann nach Shenzen verlegt. Seither ging es für den Firmengründer steil bergauf: 2017 kürte das “Forbes”-Magazin Hui Ka Yan zum reichsten Chinesen, taxierte sein Vermögen auf 45 Milliarden Dollar. 2009 ging Evergrande an die Hongkonger Börse, wo der Konzern mit 722 Millionen US-Dollar bewertet wurde.

Evergrande hat in fast jeder chinesischen Stadt Hochhäuser und Einkaufszentren gebaut, 2010 einen Fußballclub gekauft und in viele andere Geschäfte investiert, von Mineralwasser über Babymilch bis hin zu Elektroautos. Doch nicht immer erfolgreich: Auf der internationalen Autoshow in Shanghai im April gehörte der Messestand von Evergrande zu den größten, obwohl der Konzern noch gar nicht richtig mit dem Bau von Autos begonnen hatte. Im ersten Halbjahr 2021 verbuchte allein die E-Auto-Sparte einen Verlust von 4,8 Milliarden Yuan, umgerechnet 630 Millionen Euro. Die Autofirma und ihre “Hengchi”-Marke sollen nun verkauft werden, ein Käufer fand sich aber bisher nicht.
Auch die Ratingagenturen haben Evergrande längst auf dem Schirm. So stufte die Ratingagentur Fitch die Bonität des Immobilienkonzerns auf die vorletzte Stufe (CC) ihrer Bewertungsskala herab. Auch Moody’s bewertet Evergrande auf “Ramschniveau”. Damit erscheint in den Augen der Experten eine Zahlungsunfähigkeit wahrscheinlich. Es könnte gar ein Flächenbrand drohen, der weitere Firmen mit in den Abgrund reißt.
Die große Frage ist nun, ob der chinesische Staat einspringt und das Unternehmen rettet. Denn eigentlich gilt Evergrande als “too big to fail”- zu groß, um es scheitern zu lassen. Sollte Evergrande tatsächlich zahlungsunfähig werden, was den gesamten chinesischen Immobilienmarkt erschüttern dürfte, würde dies auch die geldgebenden Banken und Millionen von privaten Wohnungskäufern treffen. “Wir sprechen hier von 1,2 Millionen Menschen in China, die darauf warten, dass Evergrande die Wohnungen fertig baut, für die sie eine Menge Geld angezahlt haben,” sagt Alicia Garcia Herrero, Chefökonomin für den Asien-Pazifikraum bei der französischen Investmentbank Natixis.
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Angesichts dieser Dimensionen gehen andere Experten davon aus, dass der Staat rettend eingreifen wird, um einen Dominoeffekt zu verhindern. “Ich bin optimistisch, dass der chinesische Staat die Dinge nicht eskalieren lassen wird”, sagte Hanns-Günther Hilpert, Leiter der Forschungsgruppe Asien bei der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), dem “Handelsblatt”. Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, hält es durchaus für möglich, dass es kein Geld vom Staat geben wird. Doch auch er glaubt nicht an einen “Lehman-Effekt”. “Selbst wenn sich die Zentralregierung dafür entscheidet, Evergrande in den Konkurs gehen zu lassen, werden die Behörden wahrscheinlich an der Koordinierung der Fortführung der Projekte eines Konzerns beteiligt sein, der 163.000 Menschen beschäftigt”, sagte er der Wirtschaftszeitung.
Die Zeiten garantierter Rettung könnten tatsächlich vorbei sein. William Russel vom Vermögensverwalter Allianz Global Investors hält es durchaus für möglich, dass Peking ein Signal an andere Immobilienriesen sendet, indem Evergrande nicht gerettet wird. Die der Kommunistischen Partei nahestehende chinesische Zeitung “Global Times” urteilte dieser Tage, Evergrande sei nicht so bedeutsam, dass man einen Bankrott mit allen Mitteln verhindern müsse.
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Experten wollen deshalb nicht ausschließen, dass die chinesische Regierung an Evergrande ein Exempel statuiert. Die hohen Schulden im Immobiliensektor sieht sie schon länger als Problem an: Zum einen fürchtet Peking um die Stabilität des Marktes, zum anderen werden in vielen Großstädten mittlerweile horrende Mieten verlangt. Deshalb hat die Führung in Peking neue Beschränkungen erlassen, die den überhitzten Häusermarkt abkühlen sollen. Sie erschwerte unter anderem die Kreditaufnahme und Grundstückskäufe. Damit will die Regierung gegen Spekulationen am Häusermarkt vorgehen und Luft aus der Immobilienblase lassen.
Die chinesische Propaganda nennt die neuen finanztechnischen Vorschriften “die drei roten Linien”. Diese besagen, dass das Verhältnis der Verbindlichkeiten zu Vermögenswerten unter 70 Prozent liegen muss, der Nettoverschuldungsgrad nicht höher als 100 Prozent sein darf und das Verhältnis von liquiden Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten größer als Faktor eins sein muss. Evergrande hat alle drei Vorgaben gerissen.
Mit Informationen von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai
Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. September 2021 um 06:50 Uhr in einem Interview.
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