„Ich kann dem Verkäufer nicht erklären, warum er leer ausgeht“ – Tagesspiegel

Gewerkschaften, Steuerexperten und die FDP wollen Arbeitnehmer im Homeoffice entlasten. Doch Union, SPD und Grüne ziehen nicht mit.
Für Menschen, die im Homeoffice schuften und die Nase voll haben vom nasskalten November und dem Corona-Blues in Deutschland hat der Reisekonzern Tui jetzt die Lösung: Warum nicht Laptop und Koffer packen und dorthin ziehen, wo es warm ist?
Die Tui-Tochter Robinson, die in ihren Clubs derzeit unter einem akuten Urlaubermangel leidet, will Hotelzimmer zum Homeoffice machen.
Ab 67 Euro pro Nacht verspricht der Clubbetreiber deutschen Arbeitnehmern schnelles und stabiles Internet, separate Büroräume neben dem Schlafzimmer und ergonomische Schreibtischstühle. Buchen kann man jetzt schon Portugal, Fuerteventura, Türkei und Mallorca sollen folgen.
Schnelles Internet, rückenfreundliche Stühle und einen Arbeitsraum nur für sich selbst, davon können Millionen Beschäftigte nur träumen. Ihr Homeoffice ist die Arbeitsecke am Küchentisch, auf dem Stuhl, der tagsüber als Bürostuhl dient, sitzen sie abends mit den Kindern am Esstisch.
Was als Provisorium begann, könnte zur Dauerlösung werden: Viele Menschen haben das Homeoffice gar nicht erst verlassen, andere werden angesichts des zweiten Lockdowns das Büro räumen und wieder von zu Hause aus arbeiten. Beim Rückzug ins Wohnzimmer profitiert der Arbeitgeber von der privaten Infrastruktur: Das Internet in der Wohnung und das heimische Telefon werden für die Arbeit genutzt, zudem treibt das Homeoffice Strom- und Heizkosten in die Höhe.
Bisher tragen die Beschäftigten einen Großteil der Kosten selbst. Die Fachhochschule Dortmund befragte kürzlich 1700 Mitarbeiter von Versicherungen, ob sich der Arbeitgeber zumindest anteilig an der Miete, den steigenden Wasser-, Heizungs-, Telefon- und Stromkosten beteiligt und ob der Chef oder die Chefin Büromöbel und IT-Geräte stellen. Das Ergebnis war ernüchternd: Rund 80 Prozent der Befragten bleiben komplett auf ihren Kosten sitzen.
Gewerkschaften, Steuerexperten und die FDP wollen den Betroffenen nun zumindest mit Steuererleichterungen unter die Arme greifen. Sie sind für eine Pauschale, mit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ihre Mehrkosten steuerlich geltend machen könnten. Verankert werden soll das im Jahressteuergesetz, das derzeit im Finanzausschuss des Parlaments beraten wird.
„Ich stelle mir eine einfache Pauschale vor, mit der Arbeitnehmer ihre Zusatzausgaben für Strom, Wasser, Heizung, Telefon, Internet und sonstige Ausgaben steuerlich geltend machen können, auch wenn sie kein Arbeitszimmer haben, sondern nur eine Arbeitsecke im Wohnzimmer frei räumen oder am Küchentisch arbeiten“, sagte die Ausschussvorsitzende Katja Hessel dem Tagesspiegel. Der FDP-Politikerin schweben 50 Euro im Monat vor, genauso wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
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Die Bundesländer Hessen und Bayern schlagen fünf Euro pro vollem Tag im Homeoffice vor, die Deutsche Steuergewerkschaft hält 50 bis 75 Euro im Monat für angemessen. Wenn der Staat der Wirtschaft unter die Arme greift, müsse „der Fiskus auch den kleinen Leuten entgegenkommen, die den Laden am Laufen halten“, fordert der Gewerkschaftsvorsitzende Thomas Eigenthaler.
Ein Arbeitszimmer können derzeit nur Steuerzahler absetzen, die viel Platz in ihrer Wohnung haben. “Wer sich quetscht, geht leer aus”, kritisiert Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler.
Damit der Fiskus mitspielt, muss das Zimmer zu 90 Prozent beruflich genutzt werden. „Ein Sofa darf dort auch nicht stehen“, warnt Eigenthaler. Hinzu kommt: Wenn der Arbeitgeber einen Arbeitsplatz im Unternehmen zur Verfügung stellt, ist es aus mit dem Traum vom steuerlich absetzbaren Arbeitszimmer.

Ein bisschen was geht aber steuerlich doch. Wer ein neues Laptop oder ein Smartphone kauft und das ausschließlich beruflich nutzt, kann die Ausgaben als Werbungskosten komplett von der Steuer absetzen. Telefoniert oder surft man zur Hälfte privat, sind es 50 Prozent. Kostet das Gerät nach Abzug der Mehrwertsteuer nicht mehr als 800 Euro, kann man die vollen Kosten im Jahr der Anschaffung gelten machen. Für laufende Internet- und Telefonverträge kann der Arbeitgeber dem Mitarbeiter 20 Prozent steuerfrei ersetzen, allerdings maximal 20 Euro im Monat. Die Union prüft, ob das auf Miet- und Heizkostenzuschüsse erweitert werden kann, sagte die finanzpolitische Sprecherin der Union, Antje Tillmann, dem Tagesspiegel.
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Einen zusätzlichen Freibetrag fürs Homeoffice sieht Tillmann kritisch. Sie könne „dem Verkäufer, der Erzieherin und der Krankenschwester nicht erklären, warum sie leer ausgehen“, meint die CDU-Politikerin. Auch Lothar Binding, Finanzexperte der SPD, hat Bauchschmerzen. „Viele der kleinen Leute arbeiten in Jobs, in denen sie gar kein Homeoffice machen können“, gibt der finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion zu bedenken. „Warum sollten diese das Nachsehen haben, wenn andere entlastet werden?“
Katja Hessel überzeugt das nicht. „Es sind ja nicht nur Gutverdiener und Privilegierte, die im Homeoffice arbeiten, sondern auch viele Kleinverdiener. Die Steuerfachgehilfin betritt das genauso wie den Unternehmensberater”, betont die Finanzpolitikerin.
In erster Linie, meint Binding, sei der Arbeitgeber gefragt, den Mehraufwand zu ersetzen. Das sehen auch die Grünen so. Lisa Paus, finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, fordert zudem weitere staatliche Hilfen für die Arbeitnehmer: Statt am Arbeitszimmer herumzudoktern, seien eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds und ein Lohnbonus für systemrelevante Berufe nötig. Am nächsten Mittwoch will sich der Finanzausschuss mit dem Thema beschäftigen, für die Homeoffice-Pauschale sieht es nicht gut aus.
Hinter dem Streit stecken auch finanzielle Erwägungen. Schon heute hat jeder Arbeitnehmer eine Werbungskostenpauschale von 1000 Euro im Jahr. Eine Erhöhung um 600 Euro „wäre für den Staat nicht zu finanzieren“, meint Binding.
Doch der Steuerzahlerbund widerspricht. Für den Fiskus müsste die Einführung einer Homeoffice-Pauschale nicht nachteilig sein, meint Isabel Klocke. Denn an den Tagen, an denen Arbeitnehmer von zuhause aus arbeiten, können sie keine Kosten für den Arbeitsweg ansetzen, die sogenannte Pendlerpauschale. Die Steuerexpertin hat nachgerechnet: Eine Homeoffice-Pauschale von fünf Euro am Tag zahlt sich für den Fiskus bereits dann aus, wenn der Arbeitsweg 16 Kilometer oder mehr beträgt – eine durchaus übliche Entfernung.
Es ist nicht ganz auszuschließen, dass heute Arbeitnehmer die Pendlerpauschale auch für die Tage ansetzen, die sie im Homeoffice verbringen. Zu Unrecht, aber für das Finanzamt kaum zu kontrollieren. Die Homeoffice-Pauschale könnte das ändern. “Sie ist eine Brücke für die Steuerehrlichkeit”, meint Thomas Eigenthaler von der Steuergewerkschaft.

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