Die Frauen, die mit Kryptowährungen Millionen verdienen – VICE

Man wird sie eher nicht auf TikTok mit ihren Villen rumprotzen sehen, aber auch Frauen haben am Kryptomarkt Millionen verdient. Still und heimlich, wenn man so will.
Rachel Siegel war früher Vertretungslehrerin in New York und lebte "von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck", wie sie sagt. Heute sei sie Millionärin und hat als CryptoFinally rund 175.000 Twitter-Follower. "Das geschah alles über Jahre, in denen ich im Pyjama vor meinem Rechner saß", sagt sie. "Ich habe einfach viel Zeit ins Lernen investiert und glaube, dass jeder das schaffen kann."
Laut einer Umfrage von eToro Ltd. machen Frauen im Jahr 2021 nur 15 Prozent aller Bitcoinhändler aus, aber die Zahl steigt. Vergangenes Jahr waren es noch zehn Prozent. Selbst Hollywoodstars wie Reese Witherspoon steigen ein. Anfang September schrieb die Oscarpreisträgerin bei Twitter, dass sie ihren ersten Ether gekauft hat: "Let's do this #cryptotwitter."
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Lea Thompson, online auch als Girl Gone Crypto bekannt, geriet 2011 in den Kryptosog, nachdem sie einem Freund beim Mining zugeschaut hatte. "Ich konnte 2017 den riesigen Boom miterleben", sagt sie. Damit meint sie den Zeitraum, in dem Bitcoin auf das 21-fache seines ursprünglichen Werts stieg. "Das war so aufregend – mein Bitcoin war auf 20.000 US-Dollar gestiegen." Die Investorin aus Seattle hatte noch nie einen so hohen Gewinn erlebt. "Ich war angefixt."
Aber Kryptoinvestitionen sind riskant. Für jede Erfolgsstory gibt es zahlreiche Menschen, die ihre Ersparnisse und sogar ihr Haus verloren haben. Die paar, die es geschafft haben, präsentieren sich auf Social Media gerne mit teuren Luxuskarren, bei extravaganten Urlaubsreisen und in gigantischen Anwesen. Sie verkaufen einen Traum vom extremen Reichtum. Auf ihren YouTube-Kanälen geben sie Ratschläge, wie man wird wie sie. Es sind fast immer Männer.
Wendy O aus L.A. sagt, auch sie habe bereits ihre erste Million verdient. Sie wusste, dass sie es geschafft hatte, als sie es sich leisten konnte, nicht mehr länger zu arbeiten und als Mutter zu Hause zu bleiben. Das war 2018, als die ehemalige HIV/AIDS-Pflegerin anfing, ihre Einkäufe und Rechnungen von ihren Gewinnen aus dem Kryptohandel zu bezahlen.
"Ich bin sehr, sehr arm aufgewachsen und habe meinen Vater verloren, als ich elf war", sagt Wendy. "Meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich teilten uns ein Schlafzimmer im Haus von Verwandten, bis ich 18 war. Jetzt kümmere ich mich um meine Familie."
Wendy machte ihre erste Investition 2017, als ihre Tochter gerade ein Jahr alt war. Eigentlich wollte sie klassisch mit Aktien handeln, aber hatte nicht die nötigen 25.000 US-Dollar für ein Brokerkonto. Also entschied sie sich, stattdessen im Kryptomarkt einzusteigen. Am Ende des Jahres hatte sie ihren ersten 1.000 Dollar in Bitcoin investiert.
Rachel Siegel und Lea Thompson | Fotos mit freundlicher Genehmigung von den Dargestellten
Die Britin Sara Tojanowska, besser bekannt als AltCoin Sara, findet, dass es entscheidende Unterschiede darin gibt, wie Männer und Frauen investieren. Die 27-Jährige ist der Meinung, dass die gängigen Klischees – Männer seien draufgängerischer und deswegen bessere Investoren – nicht der Realität entsprechen. Das Gegenteil sei der Fall: "Ich finde, dass Frauen bessere Investorinnen sind. Sie nehmen sich Zeit, analysieren die Märkte und lassen sich nicht von ihrem Ego leiten." 
2017 habe sie selbst noch "wie ein Mann" investiert, nachdem sie ihren Partner bei seinen ersten Versuchen mit Kryptowährungen beobachtet hatte. Sie gab einen Haufen Geld aus, ohne wirklich etwas über den Markt zu wissen. Aber sie hat daraus gelernt. Sara sagt, sie sei jetzt finanziell unabhängig – und ihr nächstes Ziel ist es, mit 30 Multimillionärin zu sein. Sie sei auch auf dem besten Wege dorthin, sagt sie.
Bei aller Freude über dicke Gewinne sind Frauen im Kryptobereich immer wieder das Ziel von Witzen. Natürlich gefallen auch Frauen wie Sara die in der Szene kursierenden Memes, aber der mit der Kryptokultur einhergehende Sexismus ist schwer zu übersehen.
Ex-Vertretungslehrerin Siegel musste das schon persönlich erleben. Im September 2020 erschuf sie einen NFT mit einem harmlosen Artwork von sich in einer Robe. Die Krypto-Newsseite CoinDesk brachte daraufhin einen Artikel mit der Überschrift "Thirst Traps explodieren auf NFT-Plattformen, mit erwartungsgemäß kontroversen Ergebnissen" und bebilderte ihn mit einem Foto von Siegel im Bikini, das die Seite vom Social-Media-Account der Investorin runtergeladen hatte. Als Siegel ein paar Tage danach bei Twitter etwas über Ethereum postete, habe in einem der ersten Kommentare "Shut up Slut" gestanden, sagt sie.
Wendy O kennt das Problem nur zu gut: "Männer bezeichnen mich ständig als dumm – seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal Content gepostet habe." Frauen, die in der Kryptoszene aktiv sind, müssen sich häufig entscheiden: Wollen sie die sexistischen Klischees bedienen, die Frauen als Trottel oder Sexobjekte darstellen, oder stellen sie sich öffentlich dagegen und machen sich zur Zielscheibe für weitere Belästigungen?
"Ich habe das sehr, sehr lange einfach hingenommen", sagt Rachel. "Aber inzwischen habe ich ein sehr dickes Fell entwickelt und angefangen, zurückzuschlagen. Ich werde deswegen mehr akzeptiert."
Bislang ist es noch eine zweischneidige Angelegenheit, als sichtbar erfolgreiche Frau in der Kryptowelt unterwegs zu sein. Am Ende werden ihre Gegner aber das Nachsehen haben. Frauen wie Wendy und Rachel kaufen sich mit ihren Bitcoin keine Lamborghinis oder Bugattis. Sie haben sich eine finanzielle Freiheit erarbeitet, die für viele undenkbar ist. Der wahre Flex ist vielleicht, nie wieder aufs Konto schauen zu müssen.
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