Enteignung der Sparer: Geld aus dem Nichts ist nicht gratis – Neue Zürcher Zeitung – NZZ

Die Zentralbanken halten die Zinsen weiterhin auf historisch niedrigen Niveaus. Gleichzeitig ist aber die Inflation gestiegen. So verliert das Geld der Sparer deutlich an Kaufkraft – das Resultat ist eine schleichende Enteignung.
An der Börse wimmelt es von Modewörtern und Phrasen. Finanzmarkt-Akteure sprechen von den FAANG, wenn sie die Technologiekonzerne Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google meinen, oder sie weisen auf TINA («there is no alternative») hin, wenn sie die Alternativlosigkeit von Aktienanlagen betonen. Ein weiterer in den letzten Jahren sehr verbreiteter Finanz-Slogan lautet «Low for longer». Er bezieht sich auf die schon seit Jahren sehr niedrigen bis negativen Zinsen an den Kapitalmärkten. Auch wenn diese mit den jüngsten Schwankungen an den Börsen etwas gestiegen sind, gehen viele Ökonominnen und Börsianer davon aus, dass sie noch auf längere Zeit tief bleiben dürften.
Tatsächlich spricht einiges dafür, dass eine wirkliche Zinswende vorerst weiter ausbleiben wird. Hingegen könnte sich die jüngst gestiegene Inflation als hartnäckiger erweisen als erwartet. Für Sparerinnen und Sparer sind das keine guten Nachrichten. Die ultraniedrigen Zinsen bei gleichzeitiger Teuerung zehren an ihren Ersparnissen.
Für weiterhin niedrige Zinsen in den Industrieländern sprechen zunächst einmal die hohen Schulden von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen. Die Rettungsprogramme von Zentralbanken und Regierungen in der Corona-Krise haben Letztere noch weiter nach oben getrieben. Im zweiten Quartal dieses Jahres erreichte der weltweite Schuldenberg laut dem Institute of International Finance (IIF) ein rekordhohes Volumen von 296 Billionen Dollar. Das sind 353 Prozent des Welt-Bruttoinlandprodukts. In vielen Volkswirtschaften ist die Verschuldung, relativ gemessen, so hoch wie noch nie in Friedenszeiten.
Dieser riesige Schuldenturm wackelt. Bei höheren Zinsen stünden in der Euro-Zone ganze Staaten vor dem Bankrott. Auch in der Unternehmenslandschaft käme es wohl zu schmerzhaften Bereinigungen. Das billige Geld hat sogenannte Zombie-Firmen am Leben gehalten, die ihre Zinskosten nicht aus eigener Kraft erwirtschaften können. Gleichzeitig käme wohl manch ein hoch verschuldeter Privathaushalt in die Bredouille, wenn die Zinsen steigen würden.
Überhaupt ermöglicht wurde dieser Schuldenaufbau in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch die ultraexpansive Geldpolitik der Zentralbanken. Der Schuldenturm konnte so trotz morschem Fundament um immer neue Stockwerke wachsen. Zeichnete sich eine Krise ab, schwemmten die Notenbanken die Finanzmärkte mit Geld, stützten so die Konjunktur und verhinderten Marktbereinigungen. Zuletzt eilten ihnen in der Corona-Krise zudem die Regierungen mit gigantischen Ausgabenprogrammen zu Hilfe.
Wirtschaftsakteure können sich weiter sehr günstig verschulden, weil die Zentralbanken die Zinsen künstlich tief halten und Schuldpapiere in grossem Stil aufkaufen. Der Preis dafür ist die zumindest teilweise Aushebelung der Marktwirtschaft. Dies zeigt sich sehr deutlich am Obligationenmarkt, auf dem die Zentralbanken quasi die Marktrenditen diktieren. Die Signalwirkung des Zinses ist so mehr oder weniger ausgeschaltet. Oder wie lässt es sich sonst erklären, dass ein hochverschuldetes Land wie Italien für zehnjährige Staatsanleihen nur einen Zins von 0,89 Prozent bezahlen muss?
Möglich sind die Interventionen der Zentralbanken indessen nur, weil sie in einem System mit ungedecktem Papiergeld bzw. elektronischem Geld operieren. Sie können die Geldmenge beliebig stark erhöhen. Das Kapital gelangt per Kreditvergabe in den Umlauf, die Zentral- und Geschäftsbanken schaffen dabei praktisch «Geld aus dem Nichts».
Um den Schuldenturm vor dem Einstürzen zu bewahren und wirtschaftliche Schein-Aufschwünge zu finanzieren, sind aber immer extremere Eingriffe nötig. Wie die Reaktion auf den Corona-Crash gezeigt hat, tun die Zentralbanken und Regierungen im Ernstfall aber alles in ihrer Macht Stehende, um das System am Laufen zu halten. Eine wirkliche Straffung der Geldpolitik scheint vor diesem Hintergrund gar nicht mehr möglich.
Auch wenn Rettungsprogramme in Extremsituationen gerechtfertigt sein mögen, ist es nicht nachhaltig, wenn der Schuldenturm kontinuierlich wächst. Schliesslich leiden darunter die Sparer. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie durch Umschuldungen oder Währungsreformen einen Teil ihres Vermögens verlieren. Zumindest droht ihnen die finanzielle Repression, eine Art «heimliche Enteignung» durch Niedrigzinsen bei gleichzeitig höheren Inflationsraten.
Die auf Basis der Konsumgüterpreise gemessene Teuerung war in vielen Volkswirtschaften lange niedrig, ist aber nach dem Ende der Lockdowns deutlich gestiegen. In den USA lag sie im August dieses Jahres bei 5,3 Prozent, in Deutschland im September um voraussichtlich 4,1 Prozent. In der Schweiz betrug sie im September vergleichsweise geringe 0,9 Prozent.
In jedem dieser Länder verbuchen Sparer, die ihr Geld in als sicher geltende Anlagen investieren, aber nach Abzug der Inflation deutliche Verluste. Zehnjährige US-Staatsobligationen brachten am Mittwoch vor Abzug der Teuerung eine Rendite von 1,53 Prozent, deutsche Bundesanleihen rentierten mit –0,17 Prozent und Schweizer Staatsobligationen mit –0,16 Prozent.
Ökonominnen und Finanzmarkt-Akteure diskutieren derweil, ob die Teuerung temporär oder dauerhaft sein wird. Für Letzteres sprechen neben der Geldschwemme die knappen Vorprodukte für die Industrie, die gestiegenen Energiepreise sowie die anstehenden Investitionen für die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Je länger die Inflation auf höherem Niveau bleibt, umso mehr steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeitnehmer höhere Löhne einfordern – was dann wiederum preistreibend wirken würde.
So könnte die Teuerung bei den Konsumgüterpreisen vorerst auf höherem Niveau verharren. Bei den Vermögenspreisen ist die Inflation ohnehin bereits seit Jahren hoch. In vielen Märkten sind die Aktienkurse und Immobilienpreise regelrecht in die Höhe geschossen – viel schneller als die Einkommen der meisten Menschen. Deren Kaufkraft sinkt also schon seit Jahren. So können sich beispielsweise in der Schweiz oder in Deutschland immer weniger private Haushalte Wohneigentum leisten.
Damit ist die Wertaufbewahrungsfunktion – neben der als Tauschmittel und derjenigen als Recheneinheit eine der drei Grundfunktionen von Geld – immer weniger erfüllt. Während Herrscher in früheren Jahrhunderten den Goldgehalt in Münzen reduzierten, um die Rückzahlung von Schulden zu umgehen, bringen die Zentralbanken die Bürgerinnen und Bürger heute um ihre Kaufkraft.
«Wenn die Leute das gegenwärtige Bank- und Geldsystem verstehen würden, gäbe es vermutlich eine Revolution noch vor morgen früh», soll der Autopionier Henry Ford einst gesagt haben. Sollte sich nun die Inflation als dauerhaft erweisen, könnten die Menschen zunehmend kritischer werden gegenüber der Geldpolitik. In diesem Zusammenhang ist die beschwichtigende Kommunikation der Zentralbanken zu sehen – und ihre Beteuerungen, nun werde die Geldpolitik gestrafft. Ob dies dann wirklich passiert, steht auf einem anderen Blatt.
Jetzt schon ist klar, dass die anhaltend ultraexpansive Geldpolitik die Bildung von Blasen an den Finanzmärkten stimuliert hat. Dies gilt für den manipulierten Obligationenmarkt, aber auch für Aktien, Immobilien und andere Sachwerte.
Trotz den jüngsten Kursverlusten an den Aktienmärkten sind die Bewertungen sehr hoch. So lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Berechnungsart des US-Nobelpreisträgers Robert Shiller am Dienstag bei 37,5 und damit nicht allzu weit von seinem Rekordwert von 44,2 Ende 1999 entfernt. Dies soll aber nicht heissen, dass nun unmittelbar ein Crash an den Aktienmärkten bevorsteht. Gelingt es den Zentralbanken, die Zinsen weiterhin auf sehr tiefem Niveau zu halten, könnten die Aktienkurse durchaus wieder steigen.
Wie können sich Sparer und Vorsorgende für diese verrückte Anlagewelt wappnen? Zunächst einmal ist die Diversifikation, also die Streuung der Gelder auf verschiedene Anlagebereiche, auch in diesem Umfeld wichtig. Zu empfehlen ist, je nach Risikoneigung einen mehr oder weniger grossen Teil des Geldes in Aktien weltweit zu investieren – beispielsweise mittels eines Indexfonds, der ein globales Aktienbarometer abbildet. Auch der Kauf von Immobilien kann sinnvoll sein, allerdings nur unter Berücksichtigung der Kriterien für gute Anlagen in diesem Bereich. Auch Gold und andere Edelmetalle können einen Platz im Portfolio haben. Zudem ist es wichtig, ein Liquiditätspolster für schwierige Zeiten einzuplanen.
Bei aller Euphorie für Sachwerte sollten Investoren deren Preise im Auge behalten. Man kann auch mit den besten Anlagen Verluste machen, wenn man sie zu teuer einkauft. Es bleibt sinnvoll, langfristig zu investieren und sich nicht von kurzfristigen Ideen leiten zu lassen. Anleger sollten sich zudem genau überlegen, mit welchen Finanzinstituten sie Geschäfte machen, und ihre Gelder auf verschiedene Häuser verteilen.
Für die kommenden Jahre ist davon auszugehen, dass Staaten ihren Einfluss auf die Finanzmärkte weiter ausweiten werden. Die hohen Schulden werden mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Krisen hervorbringen, die wiederum «Rettungsaktionen» von Zentralbanken und Regierungen nach sich ziehen werden. Dabei könnten in Zukunft die privaten Vermögen stärker in den Fokus rücken. Denkbar sind etwa höhere Steuern oder spezielle Abgaben.
Wer sein Domizil und sein Vermögen in der Schweiz hat, ist dagegen nicht gefeit. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte ist hierzulande aber immerhin um einiges geringer als in anderen europäischen Ländern. Zudem bildet die direkte Demokratie einen Schutzschild gegen allzu interventionistische politische Vorhaben. Letztlich werden sich aber auch Schweizer Sparerinnen und Sparer in einem «Low for longer»-Szenario nicht ganz einer schleichenden Enteignung entziehen können.
Mit dem Stagflationsszenario, das seit Jahren bereits aus Japan bekannt ist, zeigt, wie es herauskommen könnte. Bloss: Japan hat die letzten 30 Jahre von einer boomenden Weltwirrschaft profitiert, ist aber kaum vom Fleck gekommen. Wie sieht es aus, wenn alle anderen Länder japanisoert werden – und nirgends woher noch Wachstum kommt? Dann bleiben nur noch Währungsreform, Weginflationierung der Schulden, noch höhere Steuern und Gebühren, Verstaatlichung aller Rentensysteme mit tieferen Renten und höheren Rentenaltern, eine medizinische Zweiklassengesellschaft und sich weiter zuspitzende Verteilungskämpfe und damit wohl starke soziale Unruhen übrig. Davor fürchten sich jedoch alle so sehr, dass das süsse Gift der Schuldenmacherei allseits und weiterhin als weit bessere Taktik verstanden wird. Bis wohl irgendwann und irgendwo ein Systemfehler eine wirtschaftliche Kernschmelze auslösen wird. Ein “soft landing” wird immer je schwieriger, desto länger mit einem geordneten Rückbau der Schulden zugewartet wird.
Im letzten Teil der ausgewogenen Analyse wird noch einmal das Handeln der Regierungen beleuchtet: Und hier – und nicht so sehr in temporären Entwicklungen – liegt die wahre Gefahr. Inflation kommt entweder von der Angebots- oder von der Nachfrageseite. Die Fokussierung der Regierungen und im Fall der EZB selbst der Zentralbanken auf „Klima“ befeuert die Geldentwertung gleich von beiden Seiten: Auf der Angebotsseite: In Deutschland werden die natürlichen Energiereserven gekappt und alles unternommen, sich von Windschlössern („erneuerbaren Energien“) und dem Ausland, z.B. Atomstrom aus Tschechien bei „Dunkelflaute“, abhängig zu machen. Zusätzlich zu dieser künstlichen Verknappung werden die Verbraucher durch zusätzliche Steuern auf Strom, Heizen und Autofahren abgezockt. Jeder der möglichen neuen Bundesregierungen will hier noch draufsatteln. Klassische Inflationspolitik. Von der Nachfrageseite bastelt die EU zum einem an einem Dreiviertel Billion (!) schweren „Green Deal“, in dem die Begebung von Anleihen an deren Verwendung für – klar – „Klima“ – geknüpft wird. Und die EZB unter Sozialistin Lagarde kauft die Anleihen nur auf, wenn sie dem Zweck der Dekarbonisierung unserer Welt dienen. Die EZB – eigentlich für die Eindämmung der Inflation zuständig – sieht ihre Aufgabe also darin, „klimaneutrales“ Geld zu schöpfen. Diese grüne Geldschwemme verschwindet dann überwiegend in Projekten, welche ohne Subventionen nicht lebensfähig wären, was heißt: Vernichtung von Volksvermögen.

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