Ende der Homeoffice-Pflicht: Neue Arbeitswelt nach Corona? – NDR.de

Heute läuft die Homeoffice-Pflicht aus. Aber ist das Thema Homeoffice damit vom Tisch? Ein Gespräch mit Lasse Rheingans, Geschäftsführer einer Digital-Agentur in Bielefeld, Autor und Revolutionär der Arbeitswelt.
Herr Rheingans, als ich Sie zunächst angerufen habe, da klang es im Hintergrund recht lebendig. Sie haben mich gebeten, zurückrufen zu dürfen – Sie würden gerade mit Kindern, Essen und so weiter jonglieren. Wie sehen Ihre eigenen Arbeitstage momentan aus?
Lasse Rheingans: So ist das, ich glaube, das können viele Hörer nachempfinden. Aktuell sind wir alle im Homeoffice – eigentlich schon seit Anfang März letzten Jahres. Wer Kinder hat und zwischendurch auch diese schreckliche Zeit des Homeschoolings miterlebt hat, der weiß, dass man ganz viel jonglieren muss. Meine Arbeitstage sind ein bisschen dadurch geprägt, wie man das alles unter einen Hut kriegt.
Volles Gehalt für Ihre Belegschaft, auch wenn sie nur 25 statt 40 Stunden pro Woche arbeitet. Dieses Experiment haben Sie 2017 gestartet, wegen seines Erfolgs direkt beibehalten und auch ein Buch darüber geschrieben: “Die 5-Stunden-Revolution”. Hat dieses Konzept Corona, Homeoffice und Homeschooling standhalten können?
Rheingans: Auf den ersten Blick erst mal nicht, weil wir Anfang März ins Homeoffice gewechselt haben und vorher das Konzept so war, dass wir von 8 bis 13 Uhr im Büro gemeinsam höchst konzentriert unseren Job machen konnten. Plötzlich fiel aber auf, dass im Homeoffice der eine oder die andere Kinder um sich herum hat, es gibt eine andere Arbeitsumgebung, vielleicht fehlen Dinge, die man benötigt hätte. Und da haben wir erst mal gesagt: Es ist eine besondere Situation, und damit muss man jetzt einen Umgang finden. Lasst uns schauen, wie jeder einzelne total selbstorganisiert zum Ziel kommen kann. Und so haben wir dieses starre Fünf-Stunden-Tag-Konzept aufgebrochen und sind in eine totale Selbstorganisation und flexible Arbeitszeit übergegangen.
Im Homeoffice fehlt der direkte Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Wie wirkt sich das auf Ihr Team aus?
Buchtipp:
Die 5-Stunden-Revolution. Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken
von Lasse Rheingans
Campus Verlag
Seiten: 224 Seiten
ISBN: 978-3593510729
Preis: 24,95 Euro
Rheingans: Anfangs, als wir den Fünf-Stunden-Tag eingeführt hatten, hatten wir eine externe Supervision, die uns begleitet hat. Da haben wir immer wieder festgestellt, dass dieses Soziale, dieser Smalltalk, diese Beziehungsebene komplett verloren gehen. Und das war es uns nicht wert. Wir wollten ja nicht wie Maschinen ganz effizient arbeiten, sondern wir wollten eigentlich besser arbeiten. Uns fiel aber über die Jahre auf: Um richtig gut arbeiten zu können, braucht es aber auch Raum für Beziehungen. Dafür gibt es im Fünf-Stunden-Tag wenig Raum, und im Homeoffice erst recht nicht.
Wir haben also Methoden und Routinen etabliert, wie wir über virtuelle Meetings Themen wie Beziehungsarbeit irgendwie erlebbar machen können. Wir geben dieser Beziehungsarbeit Raum, und das ist es uns auch wert. Und das zahlt sich bei der Produktivität und Zufriedenheit von Mitarbeitenden aus. Man kann nicht nur die Prozesse verbessern und somit Zeit einsparen, sondern man muss gleichzeitig die Beziehungsarbeit im Auge behalten und forcieren, dass da viel Energie reinfließen darf und soll.
Laut aktuellen Untersuchungen sind 77 beziehungsweise 90 Prozent der Befragten unter den Bedingungen im Homeoffice während der Pandemie sehr zufrieden beziehungsweise zufrieden und wünschen sich kein Zurück zum Status quo vor der Pandemie. Sie haben schon angedeutet, was zur Zufriedenheit beitragen kann. Welche Faktoren sind für Sie noch entscheidend?
Rheingans: Dieses Homeoffice ist vielleicht erst mal ganz toll gewesen, aber auch nicht für jeden. Wir haben auch bei uns Umfragen im Kollegenkreis gemacht: Wie möchte der jeweilige Kollege oder die Kollegin nach der Pandemie weiterarbeiten? Und da hatten wir die ganze Bandbreite: von fünf Tage Homeoffice bis fünf Tage Büro. Jeder ist also sehr individuell, und das Beste wäre, wenn in Zukunft jeder so individuell arbeiten können dürfte. Bei uns ist es zukünftig so, dass der Arbeitsplatz egal ist, es gibt keine Präsenzpflicht mehr. Es gibt auch keine Arbeitszeit mehr, zum Beispiel von acht bis eins. Sondern wir gucken, ob die Menschen auf sich aufpassen, ob es ihnen gut geht, ob sie sich nicht überarbeiten. Sonst müssten wir eingreifen. Wir wollen zwar Arbeitszeit erfassen, aber wir wollen nur sehen, dass keiner zu viel arbeitet.
Sie haben offensichtlich sehr viel Vertrauen in Ihre Mitarbeiter. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch den einen oder anderen Arbeitgeber gibt, der umgekehrt die Sorge hat, dass jemand zu Hause nur Däumchen dreht.
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Rheingans: Ja, das stimmt. Aber woher kommt der Kontrollwahn, was bewirkt er und hat er überhaupt Sinn? Man kann auch die Arbeit im Büro nicht kontrollieren – mal abgesehen davon, dass ich es gar nicht möchte. Man muss doch ein Arbeitsumfeld bereitstellen, wo Menschen Arbeit von sich heraus leisten wollen. Diese Möglichkeit gäbe es: Man kann sehr individuell auf die Stärken gucken, den Stärken entsprechend Aufgaben zuteilen, wenn die Kultur das ermöglicht, um dann Menschen dahin zu bringen, dass sie von sich aus Höchstleistung bringen wollen. Und dann braucht man auch keine Kontrolle. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen von sich aus einen Top-Job machen wollen und deswegen den Job machen, den sie machen. Es zwingt sie ja niemand, bei mir zu arbeiten. Wenn man dieses Vertrauen hat – und das habe ich, weil ich absolut an das Gute glaube – dann ist es wirklich egal, ob jemand im Büro sitzt oder zu Hause.
Für wen taugt dieses Arbeitsmodell?
Rheingans: Wir sehen ja, dass immer mehr Arbeit kognitiv, also anspruchsvoll wird, dass wir sehr viel Gehirnschmalz mit reinbringen müssen, dass wir weniger die simplen Prozesse als Mensch leisten müssen. Das sehen wir durch Megatrends wie Digitalisierung und alles, was sich seit der Industrialisierung ergeben hat. Und gleichzeitig gibt es auch den Fachkräftemangel. Das heißt, wir haben gar nicht genug Menschen, um alle möglichen Jobs zu machen. Jede Branche ist massiv von diesen Megatrends betroffen. Es wird sich sowieso wandeln, und es stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen können. Wie können wir diesen Wandel vielleicht positiv gestalten? Wer das Thema Arbeiten nicht hinterfragt, wird mittelfristig große Probleme bekommen.
Das Interview führte Alexandra Friedrich.
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