Digitalisierung: In Remote-Teams ist immer jemand online – manager-magazin.de

Digitale Teams arbeiten rund um die Uhr, auch wenn sich alle Mitglieder in derselben Zeitzone befinden. Und ausgerechnet zur “toten Stunde” um drei Uhr nachts ist die Produktivität am höchsten, wie eine Studie von Forschern der Harvard Business School und des Teamsoftwareanbieters Soroco zeigt. Für ihre Untersuchung analysierten sie das Arbeitsverhalten von 187 Menschen in sechs großen US-Unternehmen, die 2020 als Folge der Pandemie von Präsenz- zu Remote-Arbeit gewechselt waren. Die Studienteilnehmer gehörten 22 Teams mit durchschnittlich zehn Mitgliedern an. Alle hatten zuvor feste Büroarbeitsplätze und Bürozeiten, mittlerweile aber nicht mehr.
Durch die Pandemie und den Abschied von der Präsenzarbeit sind bei den Studienteilnehmern ganz neue Arbeitsnormen entstanden. Einer der wesentlichen Faktoren dabei ist das Konzept des “Team Overlap”. Es zeigt, inwieweit sich die Arbeitszeiten der verschiedenen Teammitglieder überschneiden. Im Büro garantieren reguläre Arbeitszeiten ein hohes Maß an Überschneidung. Bei Remote- oder hybrider Arbeit dagegen sind die zeitlichen Überschneidungen deutlich geringer.
“Unsere Ergebnisse belegen eine längst bekannte Wahrheit: Der digitale Arbeitstag endet nie wirklich”, schreiben die Forscher. Allerdings zerfalle er meist in zwei Teile: ein achtstündiges Fenster von 9 bis 17 Uhr, in dem Teams in der Regel zusammenarbeiteten, und ein 16-stündiges Fenster, in dem jeder für sich arbeite (siehe Grafik).
So verbringe der durchschnittliche Remote-Arbeiter nur noch 60 Prozent seiner Zeit mit dem Team und 40 Prozent in digitaler Einsamkeit. Selbst am ruhigsten Punkt des Tages, um 4 Uhr morgens, sitzen noch 10 Prozent des Teams am Schreibtisch. Bei einer durchschnittlichen Teamgröße von zehn Personen bedeutet dies, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit mindestens eine Kollegin oder ein Kollege pro Team bei der Arbeit ist. Die größte zeitliche Überschneidung gibt es zwischen 10 und 11 Uhr sowie zwischen 15 und 16 Uhr.
Die Forscher zeichneten aber nicht nur auf, wann welche Teammitglieder arbeiteten; sie maßen auch deren Produktivität. Dabei zeigte sich ein erstaunlicher Peak mitten in der Nacht – offenbar eine Folge der geringen zeitlichen Überschneidung mit den Kollegen um diese Tageszeit, vermuten die Wissenschaftler. Aufgaben wie konzentrierte Datenbankarbeit ließen sich dann ungestört und damit produktiver erledigen.
“Unsere Analyse zeigt, wie wichtig es ist, neue Normen zur zeitlichen Überschneidung von Teamarbeit zu etablieren”, folgern die Autoren. Sie schlagen vor, ein “digitales Teamstatut” zu formulieren, in dem Arbeitszeiten und Teamüberschneidungen geregelt sind. Darin könnten Vorgesetzte beispielsweise Zeitfenster festlegen, in denen mehr als 50 Prozent aller Teammitglieder gleichzeitig arbeiten. Dann sollten sie idealerweise jene Aufgaben erledigen, die von einem regen Austausch unter den Kollegen profitieren.
Erzwingen dürften Führungskräfte eine solche Teamzeit jedoch nicht. In jedem Team gebe es Prozesse, die am besten individuell erledigt würden, betonen die Autoren. Dafür könnten Zeiten mit geringer Teamüberschneidung ideal sein. Zudem sollten Chefinnen und Chefs ihren Teams ermöglichen, Aufgaben nach individuellen Vorlieben zu terminieren. “Unsere Daten zeigen, dass die meisten Teammitglieder ihre Arbeit ganz von selbst zu jener Tageszeit erledigen, in der das am effizientesten ist”, schreiben die Wissenschaftler. Und schließlich sollte es feste Zeiten geben, in denen Mitarbeiter weder an Meetings teilnehmen noch für ihre Kollegen erreichbar sein müssten. Das mache es ihnen leichter, sich auf komplexe Aufgaben zu konzentrieren.
Quelle: Arjun Narayan, Rohan Narayana Murty, Rajath B. Das, Scott Duke Kominers: „The Endless Digital Workday“, hbr.org, August 2021
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Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.
10/2021
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