Tipps von der Karriereberaterin: Hilfe, wir verlieren den Teamkontakt – DER SPIEGEL

Digital Kontakt halten ist nicht einfach
Privat
Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben Stichwort Carmen Michaelis
Jan, 39 Jahre, fragt: »Seit Monaten sind mein Team und ich im Homeoffice. Seither sehen wir einander nur noch in den Videokonferenzen. Die Nähe im Team schwindet. Für mich ist schwer einschätzbar, wie es den Leuten geht, ob es Zusammenhalt und Identität gibt. Ich nehme eine distanzierte und gedrückte Stimmung wahr. Was kann ich tun?«
Lieber Jan,
Sie beschreiben eine Situation, in der sich viele Teams zurzeit befinden. Der soziale Kitt, der die Teams zusammengehalten hat, schwindet durch eine Zusammenarbeit auf Distanz und die Konzentration auf fachliche Themen. Plaudern in der Pantry, am Kopierer oder das gemeinsame Mittagessen in der Kantine fallen weg. Ebenso der unkomplizierte Austausch untereinander, indem man schnell mal über den Flur zur Kollegin geht. Entlastung und Verständnis erfahren durch einen genervten Blick an den wissenden Kollegen am Schreibtisch gegenüber, während man mit einem anstrengenden Kunden telefoniert.
Wir vermissen das Miteinander und denken, es gibt in Zeiten ausschließlicher Homeoffice-Arbeit keine Alternative. Doch dem ist nicht so. Folgen Sie dem Ansatz: Nicht verharren, bei dem, was nicht geht, sondern schauen, was gehen kann, um ein Gefühl von Zusammenhalt, Motivation und Spaß zu erzeugen. Und es geht eine ganze Menge.
Fangen Sie mit dem Naheliegenden an und fragen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie es Ihnen geht, was leicht- und schwerfällt, was sie vermissen, ob sie sich momentan als Team wahrnehmen und welche Vorschläge sie haben, um die aktuelle Situation zu erleichtern. Machen Sie das Thema zur Chefsache, nehmen Sie sich Zeit und setzen Sie an zwei Punkten an:
Bringen Sie sich in Kontakt mit allen Teammitgliedern. Zum Beispiel, indem Sie:
einen regelmäßigen kurzen Jour fixe mit jeder Mitarbeiterin beziehungsweise jedem Mitarbeiter haben, in dem auch Raum für Persönliches ist. Fragen Sie dort gezielt nach dem Befinden und den Bedürfnissen.
die Einzeltermine auch mal als »Walk and Talk« per Telefon durchführen.
zwischendurch einfach mal anrufen und fragen, wie es geht.
im Blick behalten (notieren), wer wann wichtige Ereignisse hat (Geburtstag, Erkrankungen, Jubiläum …).
gerade jetzt explizit über Qualifizierungsbedarf sprechen, Schulungen und Unterstützung anbieten.
Unterziehen Sie Ihre Meetingkultur einer Frischekur. Müdigkeit entsteht auch durch immer gleiche Abläufe.
Arbeiten Sie grundsätzlich mit eingeschalteter Kamera. Wie soll Distanz über einen schwarzen Bildschirm überwunden werden?
Nutzen Sie Check-in Fragen. Bewährte Fragen sind zum Beispiel
– Worüber habe ich mich heute schon gefreut?
– Wenn ich meiner Stimmung eine Zensur geben sollte, welche wäre das?
– Was bewegt mich gerade?
– Wie geht es mir zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von eins bis zehn und warum?
– Was beschäftigt mich gerade?
– Was raubt mir gerade Energie?
– Was gibt mir gerade Energie?
Auch ein Check-out am Freitag vor dem Einstieg in das Wochenende ist hilfreich. Reihum können sich die Teammitglieder eine Frage überlegen, zum Beispiel:
– Wofür möchte ich diese Woche »Danke« sagen?
– Was war das Highlight der Woche?
– Was hat mich diese Woche überrascht?
– Was habe ich diese Woche gelernt?
– Wenn ich zum Beginn der Woche zurückgehen könnte, welchen Rat würde ich mir selbst geben?
Führen Sie Ihr Meeting mal gemeinsam im Stehen durch.
Fügen Sie kurze Biopausen ein oder machen Sie gemeinsam eine »bewegte Pause« mit einem kleinen Work-out oder einer Entspannungsübung. Jeder und jede ist mal dran, es zu moderieren.
Loben Sie am Montag ein Wochenmotto aus. Nächste Woche ist das nächste Teammitglied dran.
Es darf auch mal gejammert werden, gern mit einem Ritual. Einmal in der Woche geht virtuell der »Jammerlappen« rum. Jeder darf mal emotional ausmisten.
Führen Sie für die effiziente Abarbeitung der Fachthemen das »IDE-Prinzip« ein. Es steht für Informieren, Diskutieren, Entscheiden. Jeder Tagesordnungspunkt wird entsprechend in I,D oder E kategorisiert. So ist klarer, was zu dem Thema passieren soll, und es kann fokussierter gearbeitet werden.
Teams sind es leid, auf Präsentationen zu starren. Teilt sich der Bildschirm, schwindet Lust und Laune. Arbeiten Sie häufiger mit kollaborativen Methoden wie Mural, Miro, einem digitalen Whiteboard. Eine gemeinsame Entwicklung von Ideen und Lösungen mit aktiven Methoden fördert die Beteiligung und den Teamgeist.
Planen Sie mit ihrem Team virtuelle Events. Vom After Work bis zur Teamchallenge im Escape-Room. Gemeinsam Spaß haben und neue Erfahrungen teilen, verbindet ungemein.
Machen Sie ein Teamfeedback: Auf einem digitalen Whiteboard schreibt jede/r für jede/n »Was ich an Dir schätze!«
Ist dem Team klar, was sein Erfolg und Mehrwert für das Unternehmen ist? Wenn nicht, erarbeiten Sie das gemeinsam in einem Workshop.
Teamgefühl entsteht ebenfalls durch eine gemeinsame Fortbildung. Ermitteln Sie zusammen, was das sein könnte. Lernen verbindet.
Beteiligen Sie Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an der Ausgestaltung der Maßnahmen. Stellen Sie die Frage, die Sie hier formuliert haben, in einem Sondermeeting und schließen Sie mit »Was können WIR tun?« Ganz viel schlummert in Ihren Leuten.
Eine Frage, lieber Jan, geht noch an SIE: Wie ist es um Ihre eigene Stimmung bestellt, auf einer Skala von eins bis zehn? Unter sieben sollte für Sie Anlass sein, den Blick auch auf Sie selbst zu lenken. Was können Sie für sich tun, um Kraft und Energie zu tanken?
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