Kluge Geldanlage: Warum finanzielles Wissen schon reicher macht – DER SPIEGEL

Skyline von Frankfurt am Main: Die Mehrheit der Befragten weiß gar nicht, dass die Bank bei dieser Anlage ordentlich Provision kassiert
Die Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland kennt sich in ganz praktischen Geldangelegenheiten nicht aus.
Die Finanztip Stiftung hat 3000 Erwachsene zwischen 16 und 69 Jahren in einer repräsentativen Studie gefragt, wie Dispo oder Ratenkredite funktionieren, welche Versicherungen wirklich nötig sind und worauf sie bei der Geldanlage achtgeben sollten. Das Ergebnis ist einigermaßen desaströs. Bei diesem Quiz, das das Alltagsleben betrifft, ist mehr als die Hälfte der Befragten durchgefallen. Für dieses Jahrzehnt gibt es also noch genug zu tun.
Das beste Ergebnis gab’s noch beim Thema Inflation: Fast 70 Prozent der Befragten wissen, dass sie im kommenden Jahr von ihrem Ersparten weniger kaufen können, wenn ihr Zins bei einem Prozent liegt und die Inflation bei zwei Prozent. Mehr als 30 Prozent wissen das aber nicht.
Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip« refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
Das war nur eine von zwölf Fragen. Eine andere: Oma vererbt 5000 Euro, das Geld soll für den Küchenkauf in zwei Jahren angelegt werden. Wie sollten Sie das Geld anlegen: Festgeld, Giro, Gold oder Aktienfonds? Nur 38 Prozent wissen die richtige Antwort: Festgeld.
Oder Miete: Die Wohnung wird für 850 Euro warm vermietet. Welche Kosten kommen noch dazu? Die Befragten antworten richtig Strom und Internet, sie mutmaßen aber auch Wasser, Müllgebühren oder die Treppenhausreinigung. Nur rund 24 Prozent liegen mit ihrer Antwort komplett richtig.
Noch schlimmer sieht das Finanz-Allgemeinwissen bei den Versicherungen aus. Drei von acht auf dem Fragebogen genannte Versicherungen sind wirklich nötig, fünf sind nicht nötig, darunter die Restschuldversicherung. Nur zehn Prozent der Befragten können zuverlässig nötige von unnötigen Versicherungen unterscheiden.
Spannend ist erst mal die große Spreizung bei den Ergebnissen. Grundsätzlich gilt: Ältere sind im Schnitt kenntnisreicher als Jüngere, Männer kenntnisreicher als Frauen und Hausbesitzer kenntnisreicher als Mieter, obwohl eine der zwölf Fragen – die nach den Mietnebenkosten – gerade Entscheidungen und das Erfahrungswissen von Mietern betraf. Und beim Haushaltseinkommen waren es die Menschen mit höheren Einkommen, die sich tendenziell besser auskannten.
Nur beim Wissen um Aktien gibt es einen gegenläufigen Trend. Die Jüngeren kennen sich bei den Aktienfonds besser aus als die Älteren. Sie wissen, dass ein weltweiter Aktienfonds, der an vielen Firmen beteiligt ist, das Aktienrisiko insgesamt senkt. Dafür unterschätzen die Jungen aber öfter das kurzfristige Risiko und wollen das Erbe von Oma über zwei Jahre in Aktienfonds anlegen.
Ich vermute, dass hier Erfahrung entscheidend für das Wissen ist. Wer in den vergangenen zehn Jahren begonnen hat, Geld zu verdienen und sich über seine eigenen Finanzen Gedanken zu machen, der hat auch verstanden, dass mit Zinsen aktuell Geld nicht vermehrt werden kann. Seit 2004 gab es nur ein Jahr, in dem die Zinsen auf dem Tagesgeldkonto über der Inflation lagen.
Die Beschäftigung mit Aktien ist schon deshalb naheliegend. Hinzu kommen dann die vielen neuen Apps auf dem Lieblingshaushaltsgerät der jüngeren Generation – dem Smartphone. Von Smartbroker über Scalable bis zur Sparkassen-App werden diese Programme millionenfach heruntergeladen.
Unkenntnis ist schon blöd genug. Richtig gefährlich wird es aber, wenn Menschen meinen, sie kennen sich aus, es jedoch nicht tun. Etwa ein Viertel der Befragten hält sich bei der Befragung für finanziell smart. Ärgerlich ist nur, dass ein Drittel dieser Selbstbewussten bei dem Quiz krachend scheitert und nicht einmal die Hälfte der möglichen Punkte einfährt. Das führt im praktischen Leben leicht zur folgenden Konstellation: Selbstbewusst und voller Elan wird falsch entschieden und so teurer Unfug angerichtet.
Auch nicht viel besser ist die korrekte Selbsteinschätzung »Ich habe keine Ahnung«. Denn sie führt dazu, dass sich Menschen im Zweifel von denen beraten lassen, die großes Interesse an fremdem Geld haben, aber nicht notwendig genau so viel Interesse am Wohlergehen der Kunden.
Da wird dann – im ganz richtigen Bewusstsein, dass ein internationaler marktbreiter Aktienfonds für die lange Frist die richtige Geldanlage sein könnte – zur Bank gegangen.
Die Mehrheit der Befragten weiß aber gar nicht, dass die Bank bei dieser Anlage ordentlich Provision kassiert, die gleich vom angelegten Geld abgeht. Nur 42 Prozent der Befragten sind hier im Bilde.
Sieben Prozent der Befragten glaubt ernsthaft, dass die Bank gar nichts verdient und rund zwölf Prozent hoffen auf das Samariter-Gen der Banken: Sie denken, die Banken würden nur Gebühren erheben, wenn der Aktienfonds Gewinne macht.
Und nun?
Hier warten heroische Aufgaben: Die Kenntnisse um alltägliche Finanzen müssen sich verbessern! Es ist Aufgabe von uns Journalistinnen und Journalisten, so zu informieren, dass Verbraucherinnen und Verbraucher dumme Entscheidungen nur noch in dem Bewusstsein treffen können, dass sie auch dumme Entscheidungen sind.
Wenn ich auf die Zahlen blicke, müssen wir uns auch überlegen, wie wir erreichen, dass sich Frauen mehr mit Geld beschäftigen. Die Industrieländerorganisation OECD rechnet Jahr für Jahr vor, dass der Unterschied bei den Alterseinkommen zwischen Männern und Frauen (46 Prozent) nirgendwo höher ist als in Deutschland – innerhalb der OECD.
Seit 20 Jahren tobt die Debatte über Finanzwissen an der Schule. Und noch immer stelle ich fest, dass die Jungen Erfahrungswissen eben nicht durch Wissen ersetzen können. Nicht weil das nicht möglich wäre, sondern weil es oft gar nicht erst vermittelt wird. Dabei muss nicht jede:r auch jeden Fehler selbst machen.
Und dann brauchen wir wie bei einer Impfkampagne aufsuchende Betreuung. Unsere Informationen müssen die Leute erreichen. Die einen suchen wir bei YouTube auf, die anderen bei Tiktok. Mail-Leserinnen und -leser bekommen die passende Mail nach Hause.
Zeitungsabonnenten finden den Verbraucherjournalismus nicht auf der letzten Seite, sondern im Alltag. Der Bericht über die Jahresbilanz der lokalen Sparkasse enthält auch Infos, welche Gebühren die Sparkasse beim Girokonto nimmt, und ob sie eigentlich die preiswerteste Bank am Platz oder gar im Bundesland ist.
Aufsuchende Betreuung heißt in Zeiten der Digitalisierung, dort zu sein, wo die Menschen sind. Bei Google oder in der ARD, im Radio oder beim Lieblingspodcast auf Spotify.
Diese Woche hat mich ein Journalistenkollege gefragt, wie viel uns als Gesellschaft diese Wissenslücken kosten. Ich habe dann aus dem Bereich, in dem ich mich auskenne, eine kleine zweiteilige Überschlagsrechnung gemacht – für die rund 40 Millionen Haushalte in Deutschland.
Überflüssige Versicherungen
Ratenkredite fürs neue rote Sofa (es muss aufs Ersparte warten)
Ratenkredite für den Urlaub, Balkonien statt Tunesien
Weihnachtsgeschenke auf Pump
Frustshoppen, weil der Partner oder die Arbeitgeberin nervt
Das spart schon insgesamt 500 Euro im Jahr ein.
Den Stromtarif zu wechseln, bringt schnell 100 Euro.
Den Gasanbieter zu wechseln, bringt schnell 100 Euro.
Die Tank-App einsetzen, bis das E-Auto kommt: 80 Euro im Jahr.
KFZ-Versicherung überprüfen: 100 Euro oder mehr sind drin.
Handytarife der ganzen Familie modernisieren, pro Nase 120 Euro.
Sie sehen, es kommt schnell ein Tausender im Jahr zusammen. 40 Millionen mal tausend Euro sind 40 Milliarden Euro. Nageln Sie mich nicht auf die Summe fest, aber es geht um sehr viel Geld.
SPIEGEL+-Zugang wird gerade auf einem anderen Gerät genutzt
SPIEGEL+ kann nur auf einem Gerät zur selben Zeit genutzt werden.
Klicken Sie auf den Button, spielen wir den Hinweis auf dem anderen Gerät aus und Sie können SPIEGEL+ weiter nutzen.
Skyline von Frankfurt am Main: Die Mehrheit der Befragten weiß gar nicht, dass die Bank bei dieser Anlage ordentlich Provision kassiert
Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit

source

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*